Draußen nur Kännchen – oder: Die vielleicht schönste Nebensache der Welt

Ich glaube, ich bin hoffnungslos nostalgisch. Und ich glaube ich bin nicht allein. Es gibt eine Sache, die uns alle, quer durch sämtliche gesellschaftlichen und weltanschaulichen Schichten verbindet und die für uns alle am frühen Morgen, zur Mittags- und Nachmittagszeit, allein oder bei diversen gesellschaftlichen Anlässen nicht wegzudenken ist. Und zwar eine Tasse Kaffee.

Was ist das Schönste am Tagesbeginn?

Das wollte ich bei Twitter wissen und heraus kam mit überwältigender Mehrheit: Das Vogelgezwitscher am frühen Morgen in Verbindung mit einer Tasse duftendem Kaffee.

Ich liebe das, wenn ich morgens im Sommer noch im Bett liegend,  in aller Frühe dem Vogelgezwitscher aus dem geöffneten Fenster lauschen kann. Ein Konzert nur allein für mich, so kommt es mir vor. Der Morgen erwacht, die Sorgen des vergangenen Tages sind vergessen und der noch jungfräuliche Sommertag verspricht, wunderschön und heiter zu werden. Die Vögel zwitschern vergnügt und einer versucht den anderen zu übertönen. Bald hält mich nichts mehr in den Federn, denn der erste Morgen-Kaffee ruft schon und nach einer erfrischenden Dusche ist es dann endlich soweit: Ein gemütliches Frühstück an einem schön gedeckten Tisch am Fenster mit famosem Blick auf Deutschlands älteste Burg und den Dom zu Meißen, frisch duftender Kaffee, ein gekochtes Ei am Sonntag und jede Menge Zeit und natürlich das wunderschöne Vogelkonzert der Piepmätze vom verwunschenem Pfarrgarten nebenan, die von ihrer Vogelmama verwöhnt werden mit einer extra Portion Körnchen jeden Tag. Die wissen ganz genau, wann es was gibt und fordern es schon vorher ein. Da sitzt die Vogelbrut in dicken Trauben im Baum und zwitschert so dermaßen ohrenbetäubend fordernd und laut, dass die Vogelmama genau weiß, dass sie nun das Frühstück für ihre kleinen gefiederten Freunde zu reichen hat. Das tut sie auch und dann beginnt das große Picken und für einen Augenblick kehrt Ruhe ein.

Im Hochsommer dann kann das Ganze noch getoppt werden durch das Frühstück auf dem Balkon oder der Terrasse, wenn die Temperatur schon angenehm warm ist und erste Sonnenstrahlen auf dem Frühstückstisch andeuten, dass es einen heißen Sommertag geben wird, dann genießt man die morgendliche Frische und das Frühstück draußen mit dem aromatisch duftenden Kaffee noch umso mehr.

Wer liebt das nicht?

Draußen nur Kännchen

Mittlerweile ist jedoch die Art, wie man seinen Kaffee genießt, fast zu einer Glaubensfrage geworden. Früher tranken wir alle den guten alten Filterkaffee und auch in den Cafés gab es meist nur Filterkaffee. Außer man war in Italien im Urlaub, da gab es den schnellen, heißen Espresso oder den cremigen Cappuccino. Das war schon etwas Besonders für uns Deutsche und wir bekamen eine leise Ahnung davon, dass es noch mehr gibt als den schnöden, aufgebrühten Filterkaffee aus der ollen Melitta Maschine. Manche Cafés in Deutschland zogen nach und irgendwann gab es dann den Cappuccino, Espresso und Milchkaffee auch bei uns. Ich erinnere mich, dass es früher in Deutschland so war, dass, wenn man draußen saß, und man eine Tasse Kaffee bestellte, man von der Bedienung ermahnt wurde, dass es draußen nur Kännchen gibt. Das stand so auch in der Speise-Getränkekarte.  Also musste man wohl oder übel ein Kännchen nehmen und die Götter mögen wissen, warum das so war. Das Vertrackte war nämlich, dass in einem Kännchen nicht zwei Tassen Kaffee waren sondern nur so ungefähr 1,5 Tassen, so kam mir das jedenfalls immer vor. Das Kännchen war kaum größer als die Kaffeetasse. Eine Deutsche Eigenart.

Mittlerweile gibt es das wohl nicht mehr, denn die allermeisten Menschen trinken, vor allem in einem Café, alles Mögliche nur keinen langweiligen Filterkaffe mehr. Sie haben jetzt die Qual der Wahl zwischen Cafe Macchiato, Latte Macchiato, Cappuccino, Chai Latte, Cafe au Lait, Eiskaffee, Espresso, Lungo, Cafè Americano, Espresso Macchiato, Flat White, Café frappé, Frappuccino und vielen mehr. Ein Freund schwärmte mir sehr von dem hammermäßig leckeren „Chai Latte“ vor und weil ich kein Spielverderber sein will und doch neugierig geworden, werde ich dieses Wochenende versuchen, ihn irgendwo in einem Café zu probieren. Weil mir die Kaffeesortenvielfalt ansonsten eher Stress als Vergnügen bereitet, bestelle ich im Café meistens einen stinknormalen Milchkaffee oder Cappuccino. Ich quäle mich eher mit der Frage, welchen Kuchen ich dazu nehmen könnte.

Wie trinkst Du Deinen Kaffee?

Auch das erfragte ich bei Twitter anhand einer Umfrage und heraus kam, dass ungefähr 40% der Befragten noch immer den guten alten Filterkaffee aus der Filterkaffemaschine schätzen. Dazu gehöre ich übrigens auch. Seitdem ich mich erinnern kann, trinke ich Filterkaffee und ehrlich gesagt liebe ich diesen Kaffee. Es gibt da mittlerweile auch sehr gute und wohlschmeckende, weiche Röstungen. Dazu einen Schuss Milch und der Morgen kann beginnen.

In der Beliebtheitsskala ist der Filterkaffe dicht gefolgt vom Kaffeevollautomaten. Das sind diese schweineteuren, voluminösen Maschinen, für die man erst mal ein halbes Ingenieursstudium absolvieren muss, um zu verstehen, wie sie richtig funktionieren. Zudem brauchen sie unwahrscheinlich viel Platz in der Küche und sind sehr wartungsintensiv. Manche lassen sogar regelmäßig einen Techniker kommen, um ihr eldes Designer Stück zu warten und zu reinigen. Ich kenne diese Maschinen aus diversen Firmen. Ständig war etwas mit ihnen. Entweder war eine Düse verstopft oder die Kaffeebohnen waren wieder alle und weit und breit keine mehr aufzutreiben. Oder man wollte sich nur mal eben schnell zwischen zwei Terminen eine Tasse Kaffee zapfen, da streikte sie, weil der Filter voll war, die Maschine gereinigt werden musste oder die Milch alle war. Irgendwas war immer. Diese Automaten haben mich echt nur genervt, denn schließlich war ich in der Firma, um zu arbeiten und nicht, um mich mit dem Kaffeevollautomaten oder dessen Reinigung zu beschäftigen. Und was da meist rauskam, wenn es denn irgendwann mal kam, überzeugte mich auch nicht. Oftmals ist mir das schwarze Gesöff viel zu stark oder zu wenig cremig. Eklig auch der Gedanke daran, wie verschimmelt oder verkeimt der Milchaufschäumer wohl ist. Manchmal schmeckte alles gleich, egal, für welche Sorte man sich entschied. Und nein, das waren mitunter keine billigen Kaffeevollautomaten. Einmal arbeitete ich in einer Hochglanz Schickimickifirma und saß in meinem Einzelbüro mit schweineteuren, weißen Designklassikern der Schweizer Firma „USM Haller“, die hatten da in der Firma auch solch ein schweineteures Luxusteil von Kaffeevollautomat in der Kaffeeküche thronen, denn solche Statussymbole stehen nicht einfach irgendwo herum. Sie thronen majestätisch und herablassend. Mitnichten machte sie einen besseren Kaffee als so manch ein Billigheimer-Modell. So jedenfalls meine Erfahrung. Da lob ich mir doch meinen echten und ehrlichen Filterkaffee, der ohne viel Schnick-Schnack und Tamtam daher kommt und mich noch nie enttäuscht hat. Und ich brauche auch zuhause kein Statussymbol in Form einer Luxus Maschine, um Leute zu beeindrucken, die tatsächlich glauben, das wäre in irgendeiner Form wichtig. Mit solchen Leuten kann ich eh nichts anfangen. Aber natürlich gilt auch hier: Jedem das Seine.

Meine Mutter brüht ihren Kaffee von Hand ganz ohne eine Maschine auf und ich finde, er schmeckt einfach prima. Weniger ist oftmals doch mehr.

Und dann gibt es natürlich noch die Kapselmaschinen, allen voran die, für die ein Schauspieler (den ich auf den Tod nicht ausstehen kann) Werbung macht. Schon allein deswegen sind sie mir unsympathisch. Darüber hinaus machen diese Kapseln einen wahnsinnigen Müll und sind noch dazu schweineteuer. Oftmals kann man sie nur online bestellen oder aber man geht in einen Nespresso Laden in die teuerste Gegend der Stadt, um sich dort diese Edel-Kapseln in exotischen Geschmacksrichtungen zu besorgen. Eingebettet zwischen Louis Vuitton und Chanel shoppen die Bessercafétrinker dann im edlen Nespresso-Store  ihre Luxus-Kapseln und freuen sich, für ein paar Minuten dazuzugehören zur besseren elitären Kaffeegesellschaft. Zuhause bewahren sie ihre Kapseln dann höchst säuberlich nach Farben sortiert in einem Holzkästchen oder einem extra Designer Drahgestellt auf. Das macht schon was her. Und ja, schmecken tun sie bestimmt auch.

Wenn die Sahneballen in den Rinnstein rollen – Kaffekränzchen früher

Kennt das überhaupt noch einer, das Kaffeekränzchen? Da wurde man früher von freundlichen Menschen zum Nachmittagskaffekränzchen eingeladen und saß an einer gemütlichen, mit einer weißen Tischdecke bedeckten Kaffeetafel die mit hübschem Porzellan und Porzellan-Kaffeekanne sowie diversen, unwiderstehlichen Kuchen und Torten dekoriert mit hübschen Blümchen in feinen Väschen freudig liebevoll gedeckt war. Dann saß man gemütlich zusammen am Tisch und erfreute sich an dem gemeinsamen Kaffeetrinken und den leckeren, selbst gebackenen Kuchen der Hausfrau, die man sich mit einer ordentlichen Portion Schlagsahne gerne schmecken ließ. So war das früher.

Wie ist es heute?

Wenn man überhaupt noch zu so etwas wie einem Kaffeeklatsch eingeladen wird, dann sieht das heutzutage in etwa Folgendermaßen aus: Einen gedeckten Tisch gibt es nicht mehr. Ein veganer, geschmackloser aber dafür trockener Karottenkuchen mit CO2 neutralen Öko-Zutaten steht auf der Küchentheke einer hypermodernen, kalt anmutenden Küche, in der nie jemand zu kochen scheint, da absolut nichts herumsteht außer eines schweineteuren, chromblitzenden Kaffeevollautomaten, der darauf wartet, in Betrieb genommen zu werden. Die kaffeedurstigen Gäste warten ebenfalls, jeder mit einem potthässlichen aber dafür klimaneutralen Designer Kaffeepott in der Hand in der offenen Küche in der Schlange stehend, um sich der Reihe nach seine individuelle Kaffeespezialität zu zapfen. Bis der Letzte seinen frappierten Chai Latte lungo flat white gezapft hat, ist der Erste mit seinem Cappuccino, den er einsam am unwirtlichen Designertisch auf einer harten Holzbank ohne Lehne trank, schon wieder fertig. Erneut stellt er sich in die Schlange, um dann nach 15 Minuten Wartezeit endlich seine zweite Tasse ziehen zu können, wenn da nicht, just als er endlich an der Reihe ist, die Wartungsanzeige der Maschine nun „Reinigen“ anzeigt. Jetzt geht erst mal gar nichts mehr. Von gemütlichem Beisammensein keine Spur. Die ganze Kaffeeschlange löst sich auf und nun ist gemeinsames Warten angesagt, bis die hochherrschaftliche Maschine die ersehnte Freigabe zum weiteren Kaffeezapfen gibt.

Mit gemütlich hat all das nichts mehr zu tun, finde ich. Aber es ist hip und modern.

Auch das einfache Kaffeetrinken hat seine Unschuld verloren und ist zu einer erbitterten Glaubensfrage geworden, wie so vieles heutzutage. Uns allen gemein ist wohl nur noch die Tatsache, dass der Kaffee, wie auch immer er getrunken oder zubereitet wird, zu einem gemütlichen und schönen Tagesanfang dazugehört wie das Zwitschern der Vögel, Sonnenschein und blauer Himmel. Und das ist ja auch schon was. Man wird bescheiden in diesen Tagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s