Die Vergessenen vom Ahrtal – Ein Besuch in der Heimat

Von Henri V.

Henri V. erzählt von seinem Besuch in der Heimat, im Tal der von den Politikern Vergessenen, dem Ahrtal. Sehr eindrücklich beschreibt er, was sich dort bei der großen Flut zugetragen hat und was die Menschen dort erleiden mussten und dass dort buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Ein aufrüttelnder Bericht über Menschen im Ahrtal, die zwischen Mutlosigkeit und Hoffnung, zwischen Zerstörung und Neubeginn und zwischen Wut und Dankbarkeit schwanken.

Ein Besuch in der Heimat im November 2022 – von Henri V.


Bei der Abfahrt von der A 61 stellt sich wieder das flaue Gefühl im Magen ein. Über 16 Monate sind mittlerweile vergangen, seit wir damals am 16. Juli 2021 von Berlin kommend gleichermaßen sorgenvoll wie ahnungslos die Autobahn in Richtung Bad Neuenahr-Ahrweiler verließen. Bis dahin war eigentlich fast alles wie immer. Den waldbedeckten Neuenahrer Berg konnte man bereits von Weitem erkennen und nur die zahlreichen verdreckten Fahrzeuge und Kolonnen von Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz, die uns entgegenkamen, zeugten von der Katastrophe, in die wir geradewegs hineinfuhren. Nur wenige Minuten später waren wir in einer dystopischen Welt angekommen. Zerstörungen, wie man sie nur aus Kriegsfilmen kennt. Verlassene und in Trümmern gelegte Häuser, übereinandergeworfene Autos an jeder Ecke, aufgerissene Straßen, Schutt und – immer wieder und überall – Schlamm. Nichts – aber auch gar nichts – war in diesem ansonsten so idyllischen Ahrtal, das in jedem Jahr tausende Touristen, Kurgäste, Weinliebhaber und Wanderer angezogen hatte, wie es gewesen war. Der erste Eindruck: ein unvorstellbares Chaos.


Die Flutwelle hatte das Tal bereits in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli erfasst, doch am Tag unserer Ankunft war von einem professionellen Katastrophenmanagement nichts zu erkennen. Dieser Eindruck sollte sich auch in den darauf folgenden Tagen und Wochen nicht ändern. Die allererste Sorge galt den Eltern, zu denen wir seit der Flutnacht keinen Kontakt herstellen konnten. Zum Glück war ihre Wohnung heil geblieben, sie selbst unverletzt.

Die Nachbarn im Erdgeschoss und Freunde, die ein Haus unmittelbar am Ahrufer bewohnten, hatten dieses Glück nicht. Mit ihren Kindern in Dunkelheit zusammengekauert auf dem Dachboden, voller Panik und in Todesangst vor dem steigenden Wasser, die fortgerissenen Baumstämme im Wohnzimmer einschlagen hörend, verbrachten sie diese unselige Nacht in der einzigen Gewissheit, dass gerade ihre Existenz zerstört wurde. Was sich in den Wochen danach abspielte, ist kaum in Worte zu fassen. Das ganze Ausmaß der Katastrophe ließ sich zunächst nur erahnen. Doch spätestens nachdem wir mit dem Auffinden der Leichen konfrontiert wurden, war uns klar, dass sich hier eines der größten Unglücke in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands abgespielt hatte. Ein Unglück im Übrigen, das zumindest in diesem Ausmaß hätte verhindert werden können, wenn die Verantwortlichen auch nur ansatzweise verantwortlich gehandelt hätten. Schon relativ rasch machte die Runde, dass die Behörden rechtzeitig gewarnt worden waren; doch die ahnungslosen Bürger wurden am Abend zuvor lediglich aufgefordert, die Autos aus den Tiefgaragen zu fahren…


Helfer aus allen Teilen Deutschlands fanden sich zum Glück rasch ein. Viele Firmenchefs stellten ihr Mitarbeiter frei und ermöglichten ihnen, zum Teil mit schwerem Gerät, ins Ahrtal zu fahren. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Betroffenen nicht von so vielen selbstlosen und engagierten Menschen unterstützt worden wären. Angewiesen zu sein auf die Hilfe der „professionellen“ Kräfte, hätte das totale Chaos nur verlängert. Eine Zusammenstellung der Hilflosigkeit und Inkompetenz der „Professionellen“ in dieser Katastrophe könnte – so fürchte ich – Bücher füllen. Dass riesige Wassertanks mit unten am Boden liegendem Absperrhahn ohne Erhöhung auf den Straßen abgestellt wurden, so dass das dringend benötigte Wasser nicht entnommen werden konnte, ist nur eines der harmloseren aber in der damaligen Situation überhaupt nicht witzigen Beispiele für das gedanken- und planlose Agieren der Profihelfer. Ohne die Freiwilligen, die unermüdlich Schlamm geschippt, Trümmer geräumt, Mut gespendet und so vielesmehr geleistet haben – da sind sich alle Betroffenen, die ich sprechen konnte, einig – hätte in den ersten Wochen nach der Flutwelle rein gar nichts funktioniert. Wie viel effektiver hätte diese Hilfe sein können, wenn die freiwilligen Helferinnen und Helfer von Anfang an von den professionellen Kräften mit Sinn und Verstand unterstützt worden wären? Schon ein kopierter Stadtplan hätte die Arbeit der Helfer, die in aller Regel mit den Örtlichkeiten nicht vertraut waren, erheblich vereinfacht. Der Hinweis auf die wenigen intakten Brücken zur Überquerung der Ahr hätte manche sinnlos verschwendete Stunde und viel Frust verhindert.


Und die Politiker?

Der seinerzeit für den Katastrophenschutz verantwortliche und erst seit kurzem in den Ruhestand versetzte Landrat, machte sich einen schlanken Fuß und ward ab 19:20 Uhr in der Flutnacht nicht mehr in der Leitzentrale gesehen; gegen ihn läuft noch immer ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen. Er schweigt beharrlich und wird wissen, warum. Minister in Mainz dachten eher an ihren Urlaub oder beschäftigten ihre Mitarbeiter damit, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Worten man am öffentlichkeitswirksamsten Mitleid heucheln könnte, als dafür zu sorgen, dass schnelle Hilfe organisiert wird.

Die Politprominenz ließ sich natürlich auch vor Ort blicken, um sich vor den Trümmern fotografieren und interviewen zu lassen, während sich im Hintergrund ein Ministerpräsident ausschüttete vor Lachen – worüber auch immer. Dieses Lachen war ein Schlag ins Gesicht jedes einzelnen von der Flut Betroffenen und wird von denen nicht vergessen, auch wenn der Mann mit dem Heiterkeitsanfall sich rasch danach entschuldigte. Wie ein Mantra wird wiederholt, es werde schnelle und unbürokratische Hilfe geben, denn schließlich übertreffen die eingehenden Spenden jede bisherige Rekordmarke. Was nicht gesagt wurde: das große Geld sehen die Betroffenen bis heute nicht, stattdessen landen die Spenden bei den großen Hilfsorganisationen, die zum Teil 20 Euro pro verteiltem Mittagessen für ihre Wohltätigkeit abrechnen. Ein privater Helfer, der in Eigeninitiative für seine Mitbürger ebenfalls Essen bereitgestellt hatte, ging dagegen leer aus. Er wird nicht der Einzige geblieben sein, der sich so seine Gedanken über die Verteilung der Spendengelder gemacht haben mag.

Nun also, im November 2022, sind wir wieder im Ahrtal


Die meisten unserer Freunde sind seit ein paar Wochen in ihre von Grund auf sanierten Wohnungen und Häuser hingezogen. Vieles funktioniert noch nicht, man begnügt sich mit Provisorien, die noch länger Provisorien bleiben werden. Handwerker sind Mangelware. Man muss organisieren können und am besten jemanden kennen, der jemanden kennt. Aber sie sind zufrieden, endlich wieder in den eigenen vier Wänden zu sein. Vertraut ist aber noch lange nichts. Glück im Unglück hatten sie, eine Versicherung abgeschlossen zu haben, die die Kosten bei Elementarschäden übernommen hat. Nicht alle hatten das. Wer konnte auch ahnen, dass sich die kleine Ahr jemals zum todbringenden Strom entwickeln könnte?


Die Eltern haben durchgehalten, wollten nicht weg aus der vertrauten Umgebung. Die Angst vor Plünderern war groß bei denen, die als Kind den Krieg erleben mussten, die ausgebombt worden waren und schon einmal alles verloren hatten. So haben sie monatelang die durchgehend laufenden Trockner ertragen, den Baulärm überall in der Stadt, den allgegenwärtigen Schutt, Staub und Müll, die Tage ohne Strom bei überhaupt nicht mehr romantischem Kerzenschein, die ausgekühlte Wohnung, die man mit einem gespendeten Heizlüfter wenigstens einigermaßen erwärmen konnte. Noch immer liegt Schutt und angespülter Müll auf dem Grundstück, die Erdgeschosswohnungen sind nach wie vor nicht nutzbar, der Putz ist von den Wänden geholt worden, die Haustür noch immer nicht funktionstüchtig, die Post für die Bewohner wird in einer verschlissenen Einkaufstasche platziert solange es noch keine Briefkästen gibt. Das Treppenhaus ist immer noch unbeleuchtet; eine Nachbarin ist bereits gestürzt und musste vom Notarzt behandelt werden. Der Fahrstuhl, so wichtig für den Gehbehinderten, lässt auf sich warten; immer wieder wurde der Termin für den Einbau verschoben. Es wundert uns nicht, dass die meisten Mieter und Eigentümer,in der Regel Ältere, noch nicht wieder eingezogen sind, so dass das Mehrfamilienhaus an der Ahr noch immer gespenstisch leer wirkt.


Doch bei allem, was noch im Argen liegt, erscheint die Stadt im Vergleich zu unserem letzten Besuch vor einigen Monaten nun deutlich aufgeräumter. Die Straßen sind weitgehend wieder hergestellt, die zerstörten Brücken zum Teil provisorisch ersetzt. Die Hotellerie liegt dagegen nach wie vor brach. Vor einer umfangreichen Investition sind sich die Hoteliers und Gastwirte vermutlich noch nicht so recht klar darüber, ob man jemals wieder auf den Tourismus wird setzen und Gewinne machen können.Die Ahr aufwärts bietet noch immer einen entsetzlichen Anblick. Tote Häuser überall. Die Bahnstrecke ist zerstört oder überhaupt nicht mehr erkennbar und so wird es bestimmt sehr lange auch noch bleiben. Das Flüsschen, dem im Juli 2021 so viele Leben zum Opfer gefallen sind, hat sich an manchen Stellen ein neues Bett gegraben und fließt nun dort, wo große Uferteile einfach verschwunden sind. Doch die Menschen an der Ahr tun ihr Möglichstes, um mit der Situation klarzukommen. In jedem Ort haben die Winzer Stände aufgebaut und hoffen, ihren Wein auf diesem Wege verkaufen und ein paar Einnahmen generieren zu können. In dem ehemals idyllischen Dernau haben sich die Helferinnen und Helfer an der Wand eines leerstehenden Hauses mit dem Abdruck ihrer Hände verewigt; ein Bild, das traurig stimmt, aber zugleich Hoffnung gibt und Mut macht. Das Ahrtal, sechzehn Monate nach der Katastrophe. Ich merke, dass meine Wut über unfähige, verantwortungslose Politiker und inkompetentes Krisenmanagement noch immer nicht geschwunden ist.

Nicht geschwunden, sondern noch größer geworden ist aber auch die Dankbarkeit all den namenlos gebliebenen Helferinnen und Helfer gegenüber, die – anders als die bezahlten, von der Politik gehätschelten so genannten „Aktivisten“ – wirkliche Entbehrungen auf sich genommen und teilweise wochenlang kniehoch im Schlamm stehend Hand angelegt haben, um einfach nur Gutes zu tun – und das, ganz ohne Kamera und öffentlicher rechtlich gehypter Aufmerksamkeit.


In Dankbarkeit gewidmet den drei Helferinnen aus Trier, dem Helfer aus Mayen und den Männern der Baufirma aus Münster, bei denen ich es leider versäumt habe, sie nach ihrem Namen zu fragen, und allen anderen Freiwilligen.

Henri V.

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