Relikt aus einer längst vergangenen Zeit: Briefe schreiben – oder: Wie unsoziale Medien aus Menschen Monster machen

Heute Morgen, an einem verregneten, kalten und trüben Sonntag dachte ich plötzlich an vergangene Tage zurück und daran, wie man damals mit Freunden kommunizierte. Plötzlich kamen mir verschiedene Episoden meines noch jungen Lebens in den Sinn und Erinnerungen an vergangene Tage und verlorene Freunde ließen mich wehmütig werden.

Ich schreibe also bin ich

Tatsächlich habe ich schon immer gerne geschrieben. Mit meinen Tagebüchern begann es. Gerade als junge Heranwachsende und dann als junge Frau teilte ich meine täglichen Gedanken mit meinem Tagebuch. Täglich notierte ich dort, was ich fühlte, was mich begeisterte, mich beschäftigte, was ich erhoffte und auch was mich ängstigte. Tausende von Gedanken schrieb ich in meinem Tagebuch nieder. Natürlich handschriftlich, denn Computer gab es damals noch nicht und eine Schreibmaschine war ja nur für lose Blätter eine Alternative. Das Tagebuchschreiben an sich war wie ein tägliches befreiendes Ritual. Immer gegen Abend, wenn das Tagwerk vollbracht war kleidete ich all das, was mich tagsüber beschäftigte und was ich erlebte in Worte. Seitenweise manchmal schrieb ich mir die großen und kleinen Dinge meines Lebens von der Seele. Ich suchte nach Antworten auf so unendlich viele Fragen und auch versuchte ich, meine eigenen Motive zu ergründen, denn schon damals dämmerte mir, dass der Menschen doch ganz und gar unfrei ist und das eigene Handeln oftmals so gar nicht zu der ganz anderen, theoretischen Erkenntnis passt.

Zusätzlich zu meinem Tagebuch führte ich für ein paar Jahre einen Jahreskalender, in dem ich minutiös aufschrieb, was mit wem und wann ich etwas tat oder mich traf. Auch hier notierte ich stichpunktartig, was mich gerade bewegte und welche Fragen mich umtrieben. Auch Termine, Namen und Orte finden sich darauf. Darüber hinaus schrieb ich, da ich ja mein großes und dickes Tagebuch nicht tagsüber mit mir herumschleppte, egal wo ich mich gerade befand, kleine Zettelchen mit Gedanken oder Sprichworten oder Fragen auf, die ich keinesfalls verlieren wollte in der Hektik des Tages. Ich beschrieb einfach alles, was sich mir gerade anbot, von Einkaufszetteln über Prospekte, Broschüren oder eben auf meinen kleinen Notizblock, so ich einen dabei hatte. Meistens hatte ich einen dabei. Der Gedanke, nur einen meiner Gedanken zu verlieren, bereitete mir Unbehagen. Denn sie waren schon damals mein größter Schatz. Meine Gedanken.

Jeder Brief ein kleines Kunstwerk

Und natürlich schrieb ich auch Briefe. Und ich bekam Briefe. Lange Jahre verband mich eine Brieffreundschaft mit einer frühen Freundin, die leider viel zu früh aus ihrem noch jungen Leben mit 23 Jahren gerissen wurde. Auch mit anderen Mädchen, ehemaligen Schulfreundinnen oder Mädchen aus christlichen Gemeinden verband mich eine jahrelange Brieffreundschaft, wenn wir schon längst wieder in eine andere Stadt umgezogen waren. Tatsächlich habe ich unendlich viele Briefe in meinem Leben erhalten und ganz bestimmt ebenso viele geschrieben.

Damals, als es noch keine Smartphones gab oder E-Mail, da war das Briefeschreiben die einzige Kommunikationsmöglichkeit neben dem Telefon. Und das Tolle war, dass man sich damals noch richtig Zeit nahm, seine Gedanken zu formulieren. Oftmals schmückte ich meine Briefe mit kleinen selbstgemalten Blumen aus oder beklebte sie mit Glanzbildern. Man kann fast sagen, dass jeder Brief ein kleines Kunstwerk war. Nicht so heute, wo man manchmal schnell ein paar fahrig geschriebene Satzfragmente in sein Smartphone oder in die E-Mail tippt. Manchmal ohne jede Anrede und am Ende nur noch mit einem unpersönlichen „MfG“. So stil- und lieblos ist unsere Kommunikation geworden.

Unsoziale Medien

Die „sozialen“ Medien sind eigentlich alles andere als sozial. Schaut mal, was wikipedia zu „Sozial“ schreibt:

Das Adjektiv sozial, von französisch social und lateinisch socialis, wird oft als Synonym zu „gesellschaftlich“ verwendet und im erweiterten Sinn zu „gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig“…. In der Umgangssprache bedeutet „sozial“ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies schließt die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen, mit ein. Aber es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzustellen. Zahlreiche Abschattierungen bestehen, so zum Beispiel, gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig zu sein, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten hilfsbereit, höflich, taktvoll und verantwortungsbewusst.

Merkt Ihr was?

Wer interessiert sich denn heute zutage noch ernsthaft für den Anderen? Wer nimmt sich Zeit für den Anderen? Wer fühlt sich ein oder leidet mit? Wer ist denn noch höflich und taktvoll? Wer zollt dem Anderen Respekt und Aufmerksamkeit? Machst Du es, lieber Leser?

Der Mensch auf dem Egotrip

Das ist doch alles Schnee von vorgestern. Die neuen, modernen Zeiten haben den Menschen bzw. das Menschsein nicht zum Besseren geführt. Eher im Gegenteil. Auch wenn viele das Bestreben haben, sich äußerlich immer weiter zu optimieren und meinen, mit schneeweißen Zähnen, einem faltenlosen Gesicht und gefärbten Haaren, viel Schminke oder mit Tatoos könnten sie dem Zahn der Zeit ein Schnippchen schlagen, so haben sie leider verlernt, den inwendigen Menschen zu kultivieren. Ich würde fast sagen, dass in dem Maße, wie die Menschen sich äußerlich immer mehr „optimiert“ haben, der innere Mensch immer mehr vor die Hunde gegangen ist.

Der technische Fortschritt bedeutet ein Rückschritt was die Menschlichkeit betrifft. Wo bzw. bei welchen Menschen finden wir denn noch Tugenden wie Klugheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung?

Leider habe auch ich das manuelle Briefeschreiben, also das Schreiben mit Füller und Papier schon seit geraumer Zeit aufgegeben. Die einzigen Briefe, die ich erhalte sind Geschäftsschreiben. Immerhin schreibe ich nachwievor meine Gedanken nieder, jetzt eben auf meinem Blog. Und ich freue mich, dass es noch Menschen da draußen gibt, die mich lesen. Menschen, die sich Zeit nehmen, überhaupt noch etwas zu lesen und sich mit den Gedanken anderer zu beschäftigen. An dieser Stelle sag ich Euch, meinen Lesern einen ganz lieben Dank auch dafür, dass Ihr mir schon seit vielen Jahren die Treue haltet und ich weiterhin meine Gedanken mit Euch teilen darf.

Schreib mal wieder

Ich lege es Euch wirklich ans Herz, es mal wieder zu versuchen. Mal wieder einen Brief zu schreiben, vielleicht an einen Freund vergangener Tage. Oder einfach an Euch selbst. Schreibt Euch doch einfach mal Eure Gedanken und Ängste von der Seele. Vielleicht in Form eines Zwiegesprächs mit Eurem früheren „Ich“ oder auch mit Gott oder mit einem imaginären Freund. Das kann wirklich befreiend sein, gerade in diesen deprimierenden Zeiten.

Ein Mensch nimmt, guten Glaubens an,
Er hab das Äußerste getan.
Doch leider Gotts versäumt er nun,
Auch noch das Innerste zu tun.

Eugen Roth

Ein Kommentar zu „Relikt aus einer längst vergangenen Zeit: Briefe schreiben – oder: Wie unsoziale Medien aus Menschen Monster machen

  1. Hallo Tamara.

    Wieder einmal ein wunderschöner Text. Wir müssen wohl in einem ähnlichen Alter sein. Für mich ist es selbstverständlich, respektvoll und aufmerksam zu sein und ich hasse es, wie lieblos andere Menschen miteinander umgehen. Was mir besonders aufstößt: Ich möchte etwas für mich Wichtiges erzählen, werde schon nach einem Satz unterbrochen und die andere Person fängt von einem völlig anderen Thema an. Ich habe das Verhalten mehrfach angesprochen, aber es passiert immer wieder, sodass ich einfach nichts mehr erzähle.

    Ohnehin scheinen die meisten Menschen nur ganz wenig Informationen verarbeiten zu können. Daher kommt wohl auch TL;DR. Das ist auch kein Wunder, denn damals wurden Menschen durch BILD-Schlagzeilen dazu erzogen, nur einen Satz zu lesen, danach kamen die SMS, dann Twitter.

    Viele Grüße
    Thomas

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