Relikt aus einer längst vergangenen Zeit: Der Versandhaus-Katalog

Bei der Internetsuche nach einem Schlaufenvorhangschal in Lindgrün stieß ich auf die Internetseite des einstigen Versandhaus-Riesen „Otto“. Ich blieb dort für eine längere Zeit hängen und klickte mich durch x-Seiten hängender Vorhangschal- Ware, die es mir ermöglichten, die für mich optimale Schlaufengardine auszuwählen und dann auch zu bestellen.

Wunderwelt Versandhaus-Katalog

Durch 2G hat sich die Einkauferei, oder sollte ich besser auf Neudeutsch „Shoppen“ sagen, für Ungeimpfte wie ich es bin vorerst und wohl auch für die nähere Zukunft leider gründlich erledigt. Und wenn immer mehr Einzelhandelsgeschäfte dicht machen, hat sie sich sogar für alle Zeiten erledigt. Weil der Staat, oder besser gesagt das Regime das so will. Aber darum geht es mir hier nicht.

Also, anstatt im heimischen Städtchen zu bummeln, startete ich heute eine gezielte Suche nach einem lindgrünen Schlaufenvorhangschal im Internet und erinnerte mich während des Klickens durch die virtuellen Seiten wehmütig an vergangene Zeiten, in denen zuhause bei meinen Eltern stets ein Otto-Katalog im Wohnzimmer herumlag. Bestimmt kennt Ihr ihn auch noch, dieses Ungetüm und in fast jeder Deutschen Familie begehrte Objekt der Begierde, oder? Nicht, dass meine Eltern dort viel bestellten, aber ein paar Dinge werden es doch schon gewesen sein, weswegen der damals so sehnsüchtig erwartete Otto-Katalog pünktlich und verlässlich zweimal jährlich im oder besser gesagt AUF dem Briefkasten lag. Denn er war so dick, dass er in den Schlitz eines normalen Mietshausbriefkastens gar nicht hineinpasste. Und er war so schwer, dass man jemanden damit erschlagen konnte. Und erschlagen war man selbst tatsächlich von dem breitgefächerten und vielfältigen Angebot der Waren, die in diesem Versandwarenhauskatalog feilgeboten wurden.

So manche Inspiration für Weihnachten oder den Geburtstag holte ich mir als Kind auf den verführerischen Spielzeugseiten des Katalogs. Noch ganz genau erinnere ich mich an den Geruch der dünnen, glänzenden Seiten nach Druckerfarbe, wenn man ihn zum ersten Mal aufschlug, nachdem man es endlich geschafft hatte, die festangeschweißte Plastikschutzfolie drum herum mühsam zu entfernen ohne die kostbaren bunten Seiten zu zerstören oder sich selbst mit dem scharfen Messer zu verletzen. Und dann ging es los. Das war schon eine Unternehmung, für die man Zeit einräumen musste, wollte man den Katalog von vorne bis hinten durcharbeiten. Oftmals blätterte ich aber immer mal wieder meist ziellos mit glänzenden Augen durch die glänzenden Seiten und staunte nicht schlecht darüber, was ich doch noch so alles gebrauchen könnte, das ich vormals nie ahnte. Allein das Angucken schafft Begehrlichkeiten, das wussten schon die Herren Otto, Quelle und wie sie alle heißen sehr genau. Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich an den für mich als kleines Mädchen heiß begehrten Puppen-Frisier-Kopf, den ich in solch einem Katalog zum ersten Mal sah und dann unbedingt haben wollte. Seltsamerweise haben mir meine Eltern diesen herzsehnlichsten Wunsch niemals erfüllt. Weihnachten um Weihnachten und Geburtstag um Geburtstag verging, aber der Puppen-Frisier-Kopf lag niemals unter dem Baum oder auf dem Gabentisch. Warum eigentlich? Das werde ich meine Mutter gelegentlich mal fragen. Aber sicher wird sie meinen Artikel lesen, also frage ich Dich gleich, liebe Mama: Warum habe ich eigentlich niemals diesen Puppen-Kopf bekommen? Gerade in heutigen Zeiten, in denen ein Friseurbesuch für Ungeimpfte nicht mehr möglich ist, hätte ich wunderbar Frisuren an diesem Puppenkopf üben können. Wenn ich es mir so recht überlege, vielleicht kaufe ich ihn mir heute einfach selbst….aber ich bin abgeschweift…

Otto – kommt wieder groß in Mode

Tatsache ist, dass dieser Versandhaus-Katalog früher eigentlich schon ein Vorläufer des Internet-Shoppens war. Denn in beiden Fällen sucht man sich Waren aus, die man bestellt und sich nachhause liefern lässt. In beiden Fällen schadet man damit den heimischen Einzelhandels- und Fachgeschäften. Also, eigentlich nichts Neues unter der Sonne. Trotzdem machte das Blättern im physischen Katalog mehr Spaß als das Klicken durch virtuellen Seiten. Mir jedenfalls. So ein Katalog ist halt etwas Handfestes, im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn der Blackout kommt, kann ich mir immer noch Sachen aussuchen, meine Langeweile vertreiben, Einbrecher mit dem Katalog erschlagen oder ihn nötigenfalls als Brennmaterial benutzen.

2 Kommentare zu „Relikt aus einer längst vergangenen Zeit: Der Versandhaus-Katalog

  1. Solch ein Katalog ist nicht nur als Notwehrwaffe gegen Einbrecher geeignet. Mir fallen da noch ganz andere lästige Typen ein, die ungebeten in meine Wohnung eindringen könnten.
    Ein weiterer Vorteil der großen deutschen Versandhäuser war, dass deren Gewinne in Deutschland versteuert und somit der Allgemeinheit irgendwie wenigstens zu einem kleinen Teil wieder zugutekamen.

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  2. Solch ein Katalog war nicht nur als Notwehrwaffe gegen Einbrecher geeignet. Mir fallen da noch ganz andere Typen ein, die irgendwann ungebeten in meine Wohnung eindringen könnten.
    Außerdem haben diese Versandhäuser ihre Gewinne in Deutschland versteuerten und somit sind diese auch in Deutschland der Allgemeinheit wenigstens zu einem kleinen Teil wieder zugutegekommen.

    Gefällt 1 Person

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