Berlins „Ständige Vertretung“ weicht ständiger Verblödung – oder: Wenn acht Berliner Wirte ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben

Heute Morgen glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als ich las, dass acht Berliner Wirte an einem Pilotprojekt teilnehmen, das Gästen erlauben soll, ihre Restaurants im Innenbereich besuchen zu können. Eigentlich wunderte es mich, dass mich überhaupt noch etwas wundert in der Coronarepublik Deutschland. Aber eigentlich spricht es dafür, dass ich innerlich immer noch nicht abgestumpft bin.

Worum geht es?

Acht Berliner Restaurants nehmen an einem Pilotprojekt der Stadt Berlin teil. Das Pilotprojekt sieht Folgendes vor:

Zum Einsatz kommen soll ein „virtuelles Testzentrum“: Voraussetzung für den Restaurantbesuch ist nämlich, dass sich die Gäste vorab in einem videobasierten Verfahren zu Hause selbst auf das Coronavirus testen… Wer ins Restaurant gehen möchte, muss sich vorher einen vom Paul-Ehrlich-Institut geprüften Schnelltest besorgen… Für den Restaurantbesuch in dem Pilotprojekt ist eine vorherige Reservierung erforderlich. Zudem müssen die teilnehmenden Betriebe die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln sowie eine Kontaktnachverfolgung, etwa über die Luca-App oder andere Systeme, sicherstellen. Anschließend muss man sich mit Registrierungs-Token und Ausweis identifizieren und den Selbsttests vor der Smartphone-Kamera durchführen. Fachleute des Diagnostiknetzwerks prüfen dann die korrekte Durchführung, die Angaben zur Person und das Ergebnis und stellen das digitale Zertifikat aus… Tagesspiegel link

Quelle Tagesspiegel

So weit, so idiotisch. Das bedeutet also, dass ein riesengroßer Aufwand betrieben werden muss, um ein Schnitzel für billiges oder eine Bouillabaisse für Teures Geld verspeisen zu können. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Man besorgt sich einen Schnelltest (aber bitte den Richtigen!), von dem mittlerweile bekannt ist, wie ungenau dieser ist, setzt sich zuhause hin und filmt sich selbst bzw. lässt sich filmen während man sich selbst testet. Zuvor sollte man natürlich einen Termin im Restaurant gebucht haben. Dann setzt man sich an den Rechner, registriert sich, lädt das Filmchen hoch, wartet auf das Ergebnis (in der Hoffnung, alles richtig gemacht zu haben) und kann dann schließlich mit dem digitalen Zertifikat, das als Eintrittskarte gilt, sowie der Luca-App endlich in einem der acht Restaurants speisen. Geht’s noch?

Ich frage mich: Wer macht das mit? Und wenn ja, warum?

Dieses Projekt soll auch als Öffnungsperspektive für andere Gastronomiebetriebe Berlins während der „Pandemischen Lage“ fungieren. Man will hier also im wahrsten Sinne des Wortes austesten, ob solch ein Procedere praktikabel und rentabel ist und zukünftig überall angewandt werden könnte.

Die IHK steckt, wie könnte es auch anders sein, ebenfalls mit drin in diesem wahnwitzigen Vorhaben und schreibt:

Ziel des Pilotprojekts ist es, eine Perspektive für mögliche flächendeckende Öffnungen der Innengastronomie auch in pandemischen Lagen zu entwickeln und zeitgleich Mobilität von positiv getesteten Menschen durch das Heimtestverfahren zu unterbinden.

Tagesspiegel

Als ich las, wer diesen Schwachsinn allen Ernstes mitmacht, wunderte mich dann doch gar nichts mehr. Schaut mal:

„Ausspanne“, Kastanienallee 65
„Austernbank“, Behrenstraße 42
„Borchardt“, Französische Straße 47
„Das Caro Berlin“, Caroline-Michaelis-Straße 1
„Joseph“, Friedrichstraße 113
„Mani Restaurant“, Torstraße 136
„Schnitzelei Mitte“, Chausseestraße 8
„Ständige Vertretung“, Schifferbauerdamm 8

Bei fast allen Gastronomiebetrieben ausgenommen der „Schnitzelei Mitte“, des „Das Caro Berlin“ und der „Ständigen Vertretung“ handelt es sich um hochpreisige Etablissements, in denen elitär, reich und einflussreich gerne speisen, ebenso wie „Spitzen“-Politiker jeglicher Couleur.

Wo Reich und Schön gerne gut aussehen möchte aber schlecht isst – Borchardts

Hier sei vor allem der Promi-Schuppen „Borchardts“ in der Nähe des Gendarmenmarkts  genannt, in dem von George Clooney über Barack Obama, von Thomas Gottschalk über Christian Lindner schon jeder, der es sich leisten kann und oben mit schwimmen will, schon einmal speiste. Warum wundert es mich also nicht, dass die Betreiber auch selbst gern oben mit schwimmen, wenn es darum geht, den Test-Wahnsinn und Wahnwitz mitzumachen und zu unterstützen? Auch bei fast allen anderen Lokalitäten handelt es sich um hochpreisige Gastronomie und nichts für Otto-Normal-Esser.

Kein Schnitzel für Drei

Was sich die „Schnitzelei Mitte“ an der Teilnahme dieses Pilotprojektes verspricht, steht in den Sternen. Ich glaube kaum, dass jemand bereit ist, für ein banales Schnitzel in Spelunken Atmosphäre solch einen Aufwand zu betreiben. Die leben doch von spontaner Laufkundschaft bzw. von Touristen, die gerade in der Nähe sind und ganz bestimmt keine Zeit und Lust auf solch eine Test-Odyssee haben. Und als Einheimischer würde ich mein Schnitzel lieber entspannt zu Hause essen.

Ständige Vertretung weicht ständiger Verblödung

Dass hier auch die „Ständige Vertretung“ mitmacht, enttäuscht mich dann schon. Natürlich wird diese auch gern von Politikern besucht. Unweit von ihr entfernt liegt ja die Parteizentrale der FDP und ich weiß aus sicherer Quelle, dass jene FDP Politiker sich dort sehr gern niederlassen, ebenso wie all die ehemaligen Bonner Politiker anderer Parteien. Aber auch sehr viele Touristen tummeln sich dort, denn in gewisser Weise ist die STAEV Kult und steht in jedem Reiseführer als besonderer Tipp. Auch ich stattete der Ständigen Vertretung bei jedem meiner Berlin Besuche immer gern einen Besuch ab und genoss es, im milden Spätnachmittags-Wind eines Hochsommertages draußen bei einem Kölsch (oder zwei oder drei…) am Schiffbauerdamm den Ausflugsbooten auf der Spree zuzusehen und entspannt einen anstrengenden Shopping Tag ausklingen zu lassen.

Ob ich das noch zukünftig tun werde, wage ich zu bezweifeln. Ich bin wirklich enttäuscht, dass so viele meiner bisherigen gern besuchten Orte und Lokalitäten wohl für immer ihren Scharm und Reiz für mich verloren haben.

Auszahlen wird sich das für die Wirte nicht:

Eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei beteiligten Restaurants ergab am Samstagmittag allerdings, dass das Angebot zunächst nur ein verhaltenes Interesse bei den Gästen stieß.

Tagesspiegel

Da haben die Wirte wohl die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Hier das Flugblatt des Artikels zum Herunterladen.

Ein Kommentar zu „Berlins „Ständige Vertretung“ weicht ständiger Verblödung – oder: Wenn acht Berliner Wirte ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben

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