Prag aus Sicht von Tammy und Tammy aus Sicht eines Malers – Oder: Er sieht was, was ich nicht sehe

Seit gut zwei Monaten lebe ich nun in Tschechien und endlich ergab es sich, dass ich der goldenen Stadt einen ersten Besuch abstatten konnte. Und, was soll ich sagen, es wird mit Sicherheit nicht der letzte Besuch gewesen sein.

Wunderschönes Prag

Ein wenig aufgeregt war ich schon, endlich einmal die sagenumwobene und allseits gepriesene goldene Stadt besuchen zu können. Bei herrlichem Spätsommerwetter und mit guter Laune und gespannter Neugierde ausgestattet machten wir uns auf, Prag unsicher und das Portemonnaie sicher leerer zu machen.

Los ging es mit dem Auto knapp zwei Stunden über Land bis wir in Prag in einem Parkhaus mitten in der Stadt parkten. Und zwar, um es genauer zu sagen, stellten wir das Auto in der Tiefgarage des Art Nouveau Palace Hotels ab, dessen gesalzene Parkpreise seinen Namen wirklich alle Ehre machten. Aber das wussten wir vorher und für diesen allerersten Kennenlernbesuch in der goldenen Stadt war es uns egal. Und schnell versöhnt war ich, als ich sah, dass sich das Alfons Mucha Museum direkt gegenüber dem Hotel befand. Alfons Mucha, dieser große Sohn der Stadt Prag, ist einer der bekanntesten Repräsentanten des Jugendstils. Und ich liebe den Jugendstil. Und nun war dieses Museum also das erste, das ich von Prags Innenstadt sah. Besser konnte der Tag nicht beginnen.

Wir gingen ein paar Meter die Straße hinunter und stießen dann schon direkt auf die breite und prächtige Fußgängerzone, die umsäumt von herrlichen Prachtgebäuden und hohen Bäumen unseren Weg abrupt am bekannten Wenzelsplatz enden ließ. Dort forderten im November 1989 Václav Havel und Alexander Dubček die politische Umgestaltung des ganzen Landes. Daraus folgte die Samtene Revolution und schließlich das Ende der Tschechoslowakei.

Weiter ging es in Richtung Altstadt und, was soll ich sagen, ich war erschlagen von der Schönheit der Stadt und ihrer Gebäude, von den prächtigen, kopsteingepflasterten Straßen, den schmucken und verwinkelten Gässchen, den prunkvollen Plätzen, den schattigen Arkaden, und davon, dass die Altstadt den 2. Weltkrieg so gut wie unbeschadet überstanden hat. Der herrliche Sonnenschein ließ diese Stadt in besonders zauberhaftem Glanz erscheinen und auch wurde schnell klar, dass Kultur in dieser Metropole großgeschrieben wird. Da lacht das kunstinteressierte Herz. Da die prachtvollen Gebäude in der Altstadt dermaßen komprimiert stehen, war ich nach einer Weile fast überfordert, all das Schöne noch aufzunehmen und zu verarbeiten. Es war schon fast zu viel des Schönen.

Hier ein paar Impressionen:

Karlsbrücke
Altstädter Rathaus
Torturm Karlsbrücke
Blick von der Karlsbrücke auf die Prager Burg

Über diese eine Bücke musst Du gehen

Unser erstes Ziel war die Karlsbrücke, das bekannteste Wahrzeichen Prags.

Erschlagen von den bisher gesehenen Herrlichkeiten der Altstadt, schickten wir uns nun an, das wohl berühmteste Bauwerk der Stadt, die Karlsbrücke zu überqueren, um auf der anderen Seite der Moldau hinauf zur Prager Burg zu laufen. Jedoch wurden wir recht schnell ausgebremst durch unzählige Maler auf der Karlsbrücke, die, ähnlich derer auf dem Montmartre und am Seine-Ufer von Paris ihre Künste dem geneigten Touristen angedeihen lassen wollten.

Einer fiel mir gleich angenehm ins Auge, denn seine Zeichnungen hoben sich anspruchsvoll von denen der anderen Maler ab. Und so blieben wir stehen und ich überlegte, mich zeichnen zu lassen. Das Wetter war toll, die Stimmung hervorragend und der Maler tüchtig. Schnell bemerkte er mein Interesse und sprach uns an. Und ehe ich mich versah, saß ich Modell auf einem kleinen Stühlchen an dem ein Sonnenschirm montiert war.

Ein Bild entsteht -Tammy muss still sitzen

Bevor ich mich setzte, bat mich der Maler noch, mir meine Haare zu drapieren und ungefähr 30 Minuten möglichst still zu sitzen und meinen Gesichtsausdruck beizubehalten. Oha, das war anspruchsvoll, denn, wer mich kennt, weiß, dass ich niemals wirklich lang still sitzen kann. Und daher könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, dass dies die 30 längsten Minuten meines Lebens werden sollten.

Aber es war zu spät, ich saß bereits, setzte mein lieblichstes Lächeln auf und hoffte, dieses, sowie meine angespannte Sitzhaltung für eine halbe Stunde beibehalten zu können. Natürlich, wie könnte es auch anders sein, fingen mich meine sich um meinen Hals schmiegenden Haare an zu kitzeln. Und der leicht wehende Wind auf der Brücke tat sein übriges dazu, dass mir einzelne Haarsträhnen immer wieder um die Nase wehten und das Stillsitzen fast zu einer Qual wurde.

Der Maler begann nun konzentriert mit dem Zeichnen und meine Begleitung folgte den Federstrichen des Künstlers ebenso konzentriert mit kritischen Blicken. Das sah ich zumindest aus den Augenwinkeln. Die harte Lehne des Stuhls bohrte sich schmerzhaft in meinen Rücken während ich mich bemühte, keine Miene zu verziehen. Ich versuchte immer wieder, einen Blick des Malers zu erhaschen, der sich davon aber nicht ablenken ließ und sich hochkonzentriert und unbeirrt  mit einzelnen Partien meines Gesichts beschäftigte. Immer wieder schaute er mich prüfend mit Kennerblick an, um dann schnell das Gesehene auf der Leinwand festzuhalten. Interessant, auf diese Art wurde ich vorher noch niemals betrachtet. Meist sehen die Menschen ja gottlob das Gesamtpaket und weniger die Details. Tammys Gesicht ist ja mehr als die Summe seiner Einzelteile. Hoffe ich zumindest. Ich fragte mich fortlaufend: Was sah er? Und viel mehr noch fragte ich mich, was wollte ich, das er möglichst nicht sehen sollte.

Auf der Karlsbrücke ging es lebhaft zu. Weiter hinten spielte einer traurige Volksweisen auf der Zieharmonika und sang dazu. Noch weiter hinten schlug einer auf einer Art großen Klangschale eigentümliche Töne an. Sehr viele Passanten schlenderten über die Brücke oder lehnten an der Brückenbrüstung, um auf die Moldau hinauszusehen. Ich saß dort wie auf dem Präsentierteller. Viele schauten im Vorbeigehen abwechselnd auf das Gemälde und auf mich. Nach kurzer Zeit blieb ein Paar stehen und beäugte abwechselnd kritisch das, was der Künstler zu Papier brachte und mich, das Modell. Die beiden standen bestimmt 15 Minuten dort, prüfend, abgleichend und mir wurde heiß und kalt. Manchmal unterhielten sie sich leise und für mein Leben gern hätte ich gewusst, was sie miteinander besprachen. Ich konnte an ihren sparsamen Mienen nicht erkennen, ob sie gut fanden, was sie sahen. Ich schaute, während der Maler gerade mit meiner Ohrpartie (das nahm ich an) beschäftigt war, mit einem kurzen, ängstlichen Blick zu meiner Begleitung, die mir sogleich durch ein ermutigendes Kopfnicken signalisierte, dass alles in bester Ordnung war. Ich war ein wenig beruhigt. Nur zu gern hätte ich gesehen, was der Maler zeichnete und ob ich es freigeben würde. Meine Begleitung hielt die ganze Entstehung des Gemäldes mit der Kamera fest. Eine super Idee war das, wie sich später herausstellen sollte.

Das Paar stand immer noch da und beäugte das Malgeschehen kritisch. Sie standen genau in meinem Blickfeld und ich versuchte krampfhaft, meinen Blick zu halten und weiter ins Leere an ihnen vorbeizusehen. Jetzt juckte es mich am Rücken. Und ich hatte Durst und musste aufs Klo. Nun kam eine alte Dame des Weges und blieb ebenfalls stehen und betrachtete mit augenscheinlicher Kennermiene das Malgeschehen. Auch sie warf prüfende Blicke auf das Werk des Malers und glich es dann mit der Realität in Form von mir ab. Dann kam ein erlösendes und anerkennendes Kopfnicken von ihr und ich war halbwegs beruhigt. So schlimm konnte es also nicht sein. Mein lieblichstes Lächeln war mittlerweile auf meinem Gesicht wie eingefroren und noch Stunden später lief ich mit dem wie auf dem Gesicht festgetackerten Lächeln durch Prags Straßen.

Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit war er fertig und ich auch. Froh, endlich wieder stehen zu können begutachtete ich sein Werk und war wirklich angenehm überrascht von dem was ich sah. Ein wenig ungläubig fragte ich meine Begleitung, ob ich diejenige auf dem Bild bin. Anscheinend war ich es. Der Tag war nun endgültig gerettet. Wir unterhielten uns noch ein wenig mit diesem knorzigen, freundlichen Mann und er erzählte, dass er vor 20 Jahren aus Kasachstan nach Prag gekommen war und nun schon seit 10 Jahren auf der Brücke zeichnete. Er meinte, dass noch niemals so wenig los war auf der Brücke, wie jetzt in Zeiten von Corona.

Ein Bild entsteht

Beschwingt ging es nun weiter in Richtung Prager Burg, die man über eine nicht enden wollende, malerische Treppe erreichen kann. Die Prager Burg thront über der goldenen Stadt und ist Sitz des tschechischen Präsidenten. Sie ist das größte geschlossene Burgareal der Welt und wirklich imposant. Allein für die Prager Burg bräuchte man mindestens einen ganzen Tag Zeit, um alles zu besichtigen zu können.

Prager Burg

Nach einer kurzen Pause und einem kühlen Pivo im Burggarten ging es dann wieder zurück über tausend Stufen hinab in Richtung Karlsbrücke und Altstadt. Abgeschlossen wurde dieser wunderschöne Tag in einer wunderschönen Stadt mit dem typisch tschechischen Essen: Schweinebraten, Zeli und Knedlicky.

Weg zur Burg
Treppe zur Prager Burg
Über den Dächern von Prag
Blick auf die Deutsche Botschaft
Prager Burg
Impression
Impression 2

Fazit

Prag ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Eine Sehenswürdigkeit jagt die Andere. Das Auge ist regelrecht reizüberflutet von all der Pracht. Prag wurde in Vor-Coronazeiten überschwemmt von Touristen aus aller Welt, was sich natürlich auch auf die Preise und teilweise touristische Neppläden niederschlug. In Prag ist es erheblich teurer als auf dem Lande. Und es ist teilweise schaurig touristisch, manchmal kommt es einem vor, als sei man in Disneyland. Natürlich teilt sich Prag dieses traurige Los mit vielen anderen schönen Städten auf der Welt. Wenn man sich nur an den Hot Spots aufhält, lernt man das authentische Prag mit seinen Einwohnern wohl eher nicht kennen. Aber auch das ist immer und überall so. Ich möchte Prag gerne noch besser kennenlernen und denke, ich werde diese Stadt nach einzelnen Schwerpunkten immer wieder gerne besuchen.

7 Kommentare zu „Prag aus Sicht von Tammy und Tammy aus Sicht eines Malers – Oder: Er sieht was, was ich nicht sehe

  1. Ein interessanter Bericht, der bei mir Fernweh nach Prag aufkommen lässt.

    Kannst Du uns Nicht-Tschechen noch erklären, was Zeli und Knedlicky ist?

    Ich bin begeistert, welch unterschiedliche Themen Du auf Deinem Blog bereitstellst.

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    1. Lieber Peter Pattex! Danke sehr für Deine stets so freundliche und ermutigende Resonanz auf meine Artikel. Gerne will ich Dir die Bedeutung dieser beiden wichtigen Worte erklären: Zeli = Kraut süß/sauer, Knedlicky = Knödel 🙂 Herzlich alles Liebe, Tammy

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  2. Hallo Tammy, ich bin beruflich viel in Prag, hatte dort auch schon ein Apartment und kann nur bestätigen, daß sowohl Prag als Stadt aber auch die Tschechen sehr charmant sind. Sobald die Bars öffnen dürfen, bin ich wieder in Prag.
    Dir wünsche ich noch alles Gute und die Kraft diesen interessanten Blog weiterzuführen.

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    1. Lieber Felix, vielen Dank für Deinen Kommentar. Das freut mich sehr, hier einen Prag bzw. Tschechien Kenner kennenzulernen 🙂 Ich war ja erst 1x in der Stadt Prag und das war wirklich wunderschön und dann noch 2x zum Einkaufen in Cerny Most. Liebe Grüße! Tammy

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      1. Hallo Tammy, wenn dann mal alles wieder offen bist, nehm ich dich gerne mal mit, zusammen mit meinen tschechischen Freunden kannst du mal Prag aus einer anderen Sicht erleben.

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