Tamara und wie sie Tschechien sah – Oder: Tammy schaukelt

Nun lebe ich schon knapp zwei Wochen in meiner Neuen Heimat Tschechien und möchte gerne meine weiteren Eindrücke und Erlebnisse mit Euch teilen.

Tammy schaukelt

Als eine hochsensible Person benötige ich, so wie alle anderen Hochsensiblen ganz besonders aber ganz gewiss auch die weniger sensiblen Menschen einen Rückzugsort, an dem ich auftanken und mich regenerieren kann. Solch einen Ort habe ich hier gefunden. Und was für einen. Dieser Ort ist eine Schaukel, die inmitten einer großen, saftigen, grünen Wiese neben einem Apfelbaum und einem Holzzaun, hinter dem ein Bächlein sanft vor sich hin plätschert, steht. Dort zu schaukeln ist wirklich ein Genuss und ein idealer Ort zum Träumen und entspannen. Toll ist vor allem, dass ich hier ungestört und solange ich will schaukeln kann, ohne dass irgendwelche Leute blöd gucken, weil man das als gestandene Frau ja nicht macht (Warum eigentlich nicht?) oder dass Kinder auf Spielplätzen anfangen zu heulen, weil eine olle Tante da einfach die Schaukel blockiert.

Da lachen ja die Hühner…

Manchmal rauschen die Blätter der hohen Bäume, die das Grundstück auf einer Seite umsäumen, im Wind. Ein wenig hört es sich an wie Meeresrauschen und ist absolut beruhigend. Ab und zu gackern die glücklichen Hühner auf dem Grundstück nebenan. Dort hat eine alte Dame einen Gemüsegarten angelegt und ein kleines Hühnergehege mit frei laufenden Hühnern. Manchmal gackern die Hühner ganz aufgeregt, wahrscheinlich, weil sie gerade erfolgreich ein Ei legten und dies nun mit Stolz gestählter Hühnerbrust aller Welt mitteilen wollen. Und Tammy muss jedes Mal grinsen dabei.

Seit ein paar Tagen besucht mich, immer wenn ich schaukele, eine Amsel, die aufgeregt auf der Wiese nach Nahrung pickt. Dann hält sie plötzlich inne und sieht mir beim Schaukeln zu. Sie sitzt direkt vor mir auf der Wiese nur ein paar Meter entfernt und scheint tatsächlich ein Auge auf mich geworfen zu haben. Dann sehen wir uns an und jeder freut sich in stiller Übereinkunft, dass er vom Andern in Ruhe gelassen wird. Dann pickt Amseli, so habe ich sie getauft, wieder selig weiter und ich träume weiter schaukelnd und schwingend im wehenden Wind, lasse mich von der Sonne an der Nasenspitze kitzeln und bin dankbar für diese friedliche Landstille, die ich so bisher nicht kannte.

Hundeparadies

In dem kleinen Örtchen mit seinen ca. 700 Einwohnern, in das es mich verschlagen hat, gibt es bestimmt fast ebenso viele Hunde wie Menschen. Unglaublich, wie viele Hunde es hier gibt. Manche Tschechen hier haben sogar gleich mehrere Hunde und irgendwie ist hier ständig Hundegebell zu hören. Da ich Hunde liebe, ist das hier wirklich ein Paradies für Hundeliebhaber. Wobei so manch kleine Kläffer es ab und zu mal etwas übertreiben mit ihrem hochtönigen Gebell.

Neben zahlreichen Hunden gibt es hier ebenso zahlreiche Swimmingpools auf den ultragroßen XXL Grundstücken. Ich würde sagen, dass hier fast 80% der Hauseigentümer stolze Besitzer eines Swimmingpools im Garten sind. Überhaupt gibt es hier in dem Ort nicht ein einziges Mehrfamilienhaus oder gar Hochhaus. Es gibt nur Einfamilienhäuser, die auf riesengroßen Grundstücken stehen und an deren teilweise liebevoll gestalteten Gärten sich das Auge wirklich erfreut. Viele haben aus ihren Gärten regelrecht kleine Urlaubsparadiese und Wohlfühloasen geschaffen und am Wochenende sitzt die ganze Familie gemütlich zusammen, die Kinder plantschen im Pool und der Papa steht mit Bierbauch und Grillgabel bewaffnet am Grill und versorgt die Familie mit verführerisch riechendem Grillfleisch und Würstchen. Dazu gibt es natürlich Pivo in rauen Mengen. Irgendwoher muss der Bierbauch ja kommen.

Kinder scheinen hier einen besonderen Stellenwert zu haben. Überall gibt es Spielplätze und in den Obchodni Dums (Einkaufszentren), Geschäften und Cafés finden sich zahlreiche Kinderspielinseln.

Eine Eigenart hier auf dem Lande ist es und wohl auch in anderen kleinen, tschechischen Dörfern, dass es keine Bürgersteige gibt. Wenn ich hier im Dorf zu dem einen der beiden kleinen Tante Emma Läden laufen möchte, muss ich ein kleines Stück auf der Haupt- bzw. Durchgangsstraße entlang laufen, was nicht ganz ungefährlich ist, denn die Tschechen rasen wie die Henker. Kommen sich dann auf der schmalen Straße (selten zwar) zwei Autos entgegen, wird es tatsächlich eng. Und zwar für den Fußgänger, der sich dann besser schnell durch einen kühnen Sprung in das üppig wachsende, verwilderte Straßenbegleitgrün hinüber rettet. Da die Landsträßchen hier in der Gegend zwar idyllisch, aber meist eng und kurvig sind, ist auch das Fahrradfahren hier keine wahre Freude, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Oder, um es deutlicher zu sagen: Tammy radelt hier lieber nicht. Nicht nur, dass es keine Bürgersteige gibt, nein, hier gibt es auch keine Fahrradwege. Jedenfalls nicht hier auf dem Land. Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass es in größeren tschechischen Städten durchaus auch Fahrradwege gibt. Nützt mir aber nichts, da ich ja hier bin. Aber selbst, wenn es welche gäbe und man halbwegs sicher von A nach B käme, so wäre die nächste Hürde die hügelige Landschaft, die es mir als untrainierte Flachlandfahrradfahrerin schlicht unmöglich macht auf dem Rad eine gute Figur zu machen und mal eben entspannt durch die Gegend zu radeln…. Wo wir gerade bei „Figur“ sind….

Ist die Figur erst ruiniert…

Was mir schnell aufgefallen ist, dass manche Tschechen mehrheitlich doch von großer Statur und dazu recht beleibt, um nicht zu sagen dick sind. Hier ist Schmalhans jedenfalls nicht der Küchenmeister. Nein, im Gegenteil. Die üppige, deftige tschechische Küche hat viel zu bieten. Viele Weißbrot und sonstige kohlenhydratreichen Schweinereien, viel Bier, die leckersten Kekse, Kuchen und Süßspeisen. Und natürlich das Softeis. In jedem kleinsten Kaff gibt es mindestens eine Softeisbude. Sogar hier in dem kleinen Dörflein werden an jedem Tag in der Woche inklusive Sonntag Eis und Hot Dogs in einem kleinen Häuschen verkauft. Und zwar rund um die Uhr. Und ich kann Euch sagen, das schmeckt dermaßen lecker, dieses Softeis, dass man nicht genug davon kriegen kann. Einziger Nachteil: Es schmilzt in Sekundenschnelle dahin und ich als langsame Genießerin habe doch einigermaßen Mühe, solch einen köstlichen Eisgenuss unbeschadet ohne verschmierten Mund und klebrige Finger über die Bühne zu bekommen. Egal. Es schmeckt und das ist die Hauptsache.

Schnittchen und andere Leckereien

Überhaupt ist das Essen gehen hier nicht nur ein Genuss, nein, auch der schmale Geldbeutel freut sich. Kürzlich aß ich eines der typisch tschechischen Gerichte, nämlich gebratene Truthahnstücke mit Soße, Kartoffelknödel und Blattspinat für sage und schreibe 5,20 Euro. Dafür bekam ich in Offenbach gerade mal eine Currywurst mit einer halben Portion Pommes. Dazu gab es ein leckeres Pivo für einen Euro. Ein einfach unschlagbarer Preis für ein unschlagbar leckeres Essen.

Traumhaft und unwiderstehlich sind auch die „Chlebíčky“, die in jeder „Pekarna“ (Bäckerei) oder „Cukarna“ (Konditorei) ausliegen. Das sind fluffig weiche Weißbrotschnittchen, die mit einer Remouladen-Creme, die angereichert mit kleinen Gemüsestückchen bestrichen ist und mit Schinken, Wurst oder Käse ansprechend belegt sowie mit Eivierteln, Petersilie oder Paprika Stückchen garniert sind. Ich sage Euch, so etwas Leckeres habe ich selten gegessen. Wenn ich da an die zähen, lustlos belegten und völlig überteuerten deutschen belegten Brötchen denke, die einem fast den Zahn beim Abbeißen oder Reißen abbrechen lassen, so zäh sind sie, dann wird mir klar: Nicht nur was das Essen betrifft, sehen die Deutschen gegenüber den Tschechen wirklich alt aus.

Corona in Tschechien. War da was?

Tatsächlich ist das Coronavirus in Tschechien kaum mehr ein Thema. Eine Mundschutzpflicht gibt es nicht mehr und ich genieße es, endlich wieder mit meinem geliebten roséfarbenen Lippenstift aus dem Haus zu gehen ohne diesen labberigen Schmierlappen in der Visage. Auch die Abstandsregeln oder das Eintragen der persönlichen Daten in Restaurants ist hier kein Thema. Wenn ich die Nachrichten aus Deutschland höre und dass sich Söder und Merkel weiter für das Tragen eines Mundschutzes aussprechen, dann bin ich froh, dass ich nun nur noch aus der Ferne meinen Kopf ungläubig darüber zu schütteln brauche. Ich glaube wirklich, dass dieser Irrsinn niemals mehr aufhören wird in Deutschland. Und das Volk macht das alles weiter mit. So wie es alles mitmacht und mit sich machen lässt. Und da die Regierenden das wissen, machen sie einfach immer weiter. Geht doch.

Ich sitze an meinem Lieblingsplatz am Fenster und sehe auf die Wiese und den Apfelbaum. Draußen ist es windig und kühl geworden. Amseli hat sich eben nochmal ein kurzes Stelldichein gegeben und ein wenig auf der Wiese gepickt, bevor sie für heute wohl endgültig den Abflug gemacht hat. Morgen werde ich sie bestimmt wieder sehen, wenn ich auf der Schaukel sitze und vor mich hin träume und über mein altes und mein neues Leben nachdenke.

6 Kommentare zu „Tamara und wie sie Tschechien sah – Oder: Tammy schaukelt

  1. Ein sehr ansprechender Text, wie immer toll geschrieben. Du hast die Gabe, so zu schreiben, dass man alles vor seinem geistigen Auge sieht. Beim Lesen meint man daher, über eigene Erlebnisse zu lesen. Und zusätzlich strotzt Dein Text vor humorvollen Formulierungen und geistreichen Wortspielen. Kurzum: Es ist immer eine Freude auf Deinem Blog zu lesen.

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  2. Tatsächlich gibt es diese Idylle auch in Norddeutschland! Ich sitze abends hinter dem Haus, genieße den herrlichen Sonnenuntergang und freue mich, fernab der (Groß-)Stadt die Natur genießen zu dürfen. Hasen und Igel, Rehe und seltene Vögel runden das Bild ab!
    Wie verständige ich mich in Tschechien auf dem Dorf, wenn ich der Landessprache nicht mächtig bin?
    Schöne Grüße von der Nordsee

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  3. Liebe Frau Breitschneider, es ist ein ganz schön mutiger Schritt, sich in dieses Land abzusetzen. Ich wohne zwar nicht weit von der Grenze weg, aber der Schritt ist mir noch nicht gelungen. Zumal ich glaube, daß kein Land in Europa langfristig eine ernst zu nehmende Chance hat, sich gegen diese traurige Entwicklung zu behaupten. Leider musste ich auch in unserem Nachbarland oft feststellen, daß die Tschechen nicht gerade Fans von uns sind! Das liegt wahrscheinlich an der Krise von 1968. Ich schau mir das hier erstmal noch eine Weile an, und werde sehen ob man hier noch was bewegen kann. Das wird wahrscheinlich aber erst wenn die Regierung kein Geld mehr hat um den Sozialstaat zu erhalten!? Dann werden die Vorzeichen Andere sein! Ich hoffe Sie schreiben weiter so gute Beiträge! Leben Sie sich gut ein! Viele Grüße auch Sachsen…..Daniel

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