Dunkelstunden

Kennst Du das auch? Du wirst nachts wach und siehst auf einmal alles ganz klar. Du erkennst plötzlich Dich selbst, Dein Leben, Deinen Schmerz, Deine Sehnsucht, Deine Motive. Dir wird vielleicht Deine Lebenslüge bewusst. Oder Du bist in der Natur oder hörst eine bestimmte Melodie oder Du ruhst auf einer Bank im Wald und lässt Deinen Gedanken freien Lauf. Und plötzlich kommt Dir ein Gedanke in den Sinn, oder eine Erinnerung hoch, die Dich herausreißt aus dem Augenblick und Dich zu etwas Größerem hinführt. Etwas, das Du nur schwer in Worte fassen kannst? Kennst Du das auch?

Mir geht es ab und zu einmal so. Für mich sind das diese „Dunkelstunden“, die Rilke in nachfolgendem Gedicht beschreibt. „Dunkelstunden“ meint hier nicht etwas Schlechtes oder Böses. „Dunkelstunden“ meint hier eher eine Zeit, in der man von tiefen Gedanken oder einer Erkenntnis übermannt wird. Es kann aber auch tatsächlich in der Nacht sein, in der alles dunkel ist und man nicht mehr abgelenkt und nur mit sich allein ist. Schlagartig wird einem bewusst, dass man sich eigentlich schon so lang im kleinen Ganzen verloren hat.

Rilkes Gedichte lassen viel Raum zu Interpretation. Und das ist auch gut so. Er hat dies auch in einem anderen Gedicht thematisiert. Man muss nicht immer alles so genau festlegen und benennen. Damit begrenzt man sich nämlich. Wie langweilig! Jeder hat ein stückweit seine eigene „Wahrheit“ und Erkenntnis. Und daher kann ein Gedicht ganz unterschiedlich zu Menschen sprechen. Und zu manchen spricht es vielleicht auch gar nicht.

Das Leben am Tag ist ja oft laut, grell und oberflächlich und man verliert sich im Trubel des Tages. Anders in den Dunkelstunden des Lebens, in denen wir plötzlich auf uns selbst zurück geworfen werden.

Manchmal denke ich, es war doch alles schon einmal irgendwie und irgendwo da. Eigentlich gibt es nichts Neues unter der Sonne. Das, was ich fühle und denke haben vor mir schon so viele andere gefühlt und gedacht. Und manchmal erfüllen wir mit unserem Leben – ohne es zu wissen – das Leben und die Träume eines anderen, dessen Leben vielleicht zu früh zu Ende gegangen ist oder dessen Träume nur Träume geblieben sind.

Manchmal sieht man nur auf sein eigenes kleines Leben und merkt gar nicht, dass es etwas Größeres und Wichtigeres gibt. Solche und ähnliche „tiefe“ Gedanken haben im Trubel des Alltags kaum eine Chance je ins Bewusstsein vorzudringen. Aber in so manch einer Dunkelstunde wird plötzlich alles ganz hell und klar!

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Rainer Maria Rilke

5 Kommentare zu „Dunkelstunden

  1. Warum werden wir permanent getrieben?
    Warum werden wir permanent unter Stress gehalten?
    Warum senden Radio und Fernsehen rund um die Uhr?
    Warum nimmt die Lichtverschmutzung immer mehr zu?

    Warum stellen wir diese Fragen nicht in den Vordergrund?

    Wir dürfen keine Dunkelstunden erleben, denn sonst würde es uns wie Schuppen von den Augen fallen, dass wir versklavt sind.

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  2. Liebe Tammy,

    ja, ich kenne diese nächtlichen Dunkelstunden mit außergewöhnlichen Einfällen und logischen Formulierungen. Sobald ich mir ihnen bewusst bin, muss ich diese aktuellen Gedanken sofort aufschreiben, sonst sind sie womöglich verloren. Ich notiere sie im Dunkeln in großer Schrift auf mehrere Seiten, damit ich sie am Tag lesen kann. Danach lege ich mich wieder in die Federn und schlafe zufrieden weiter. Eigentlich waren es eher recht Helleminuten 😄
    Ich wünsche Euch ein angenehmes Wochenende.

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Alter Germane! Das freut mich, dass Du mit meinen Gedanken etwas anfangen kannst :-). Ich habe in meinem Nachttisch auch immer Stift und Papier und auch in meiner Handtasche, damit ich mir jederzeit Notizen machen kann. Ich wünsche Dir auch ein heiteres Wochenende! Tammy

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