Kleines Glück ganz groß – oder: Warum eine Badewanne das größte Glück bedeuten kann

Was bedeutet Glück für Euch? Glaubt Ihr, es ist möglich, sein eigenes Glück zu schmieden? In Anlehnung an das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Haben wir es selbst in der Hand, glücklich zu sein oder zu werden?

In einer Umfrage wollte ich von Euch wissen, ob Ihr das glaubt. Also, dass wir unser Glück selbst in der Hand haben. Eine Mehrheit meinte, dass dies nicht immer oder nur manchmal möglich sei. Ich sehe es ähnlich.

Interrailreise mit Hindernissen

Vor vielen Jahren unternahm ich mit meinem damaligen Freund Erik eine Interrailreise nach Schottland. Einen ganzen Monat lang sollte es per Bahn nach Schottland und Wales gehen. Erster Stopp war Paris mit einem mehrtägigen Aufenthalt dort. Wir kamen abends in Paris am Bahnhof Gare de l’Est an und suchten uns eine Jugendherberge.

Nach drei wunderschönen Tagen in dieser wirklich traumhaft schönen Stadt ging es weiter ab Gare du Nord in Richtung Calais. Dort überquerten wir mit dem Hooverspeed Luftkissenboot den Ärmelkanal und landeten in Dover. Von dort ging es weiter nach London. Zu fortgeschrittener Stunde kamen wir total übermüdet und geschafft in London Victoria Station an. Die Stadt war voll mit Rucksacktouristen. Menschenmassen waren dort am Bahnhof. Lauter Interrailer, die teilweise erschöpft auf dem Boden saßen und lagen. Uns schwante schon Furchtbares. Und tatsächlich. Schnell bekamen wir die Info von anderen Intererrailern, dass sämtliche Jugendherbergen in London voll besetzt wären. Manche richteten sich schon darauf ein, die Nacht im Bahnhof auf dem Fußboden zu verbringen. Ich war müde und erschöpft. Mein Rücken tat weh von dem viel zu schweren Rucksack, den mir Eriks Schwester ausgeliehen hatte, da ich mir damals keinen eigenen leisten konnte. Der Rucksack war mit seinem Inhalt, sowie dem Schlafsack und der Isomatte, die noch daran hingen, bleischwer. Damals gab es noch nicht die Ultraleichtrucksäcke.

Ziellos liefen wir durch das Gewirr der vielen Menschen auf dem Bahnhof und beschlossen, doch ein paar Jugendherbergen abzutelefonieren. Aber: Keine Chance auf einen Schlafplatz in London. Was tun? Ich war wirklich den Tränen nah. Ich sehnte mich nach einem Bett und danach, mich endlich dieses schweren Rucksacks zu entledigen. Ziellos irrten wir auf dem Bahnhof umher und gingen schließlich nach draußen, ohne zu wissen, was wir nun tun sollten. Plötzlich kam uns ein junger Mann entgegen und steckte uns einen Zettel zu. Auf dem stand: Kensington Olympia und eine Straße mit Hausnummer. Er sagte uns, dass es dort eine Schlafmöglichkeit gebe, aber dass wir sofort hinfahren sollten.

Zimmer mit Aussicht – oder: Kann man Glück schmieden?

Wir überlegten nicht lange und gingen sofort zur Underground und nahmen erst die Circle Line und dann die District Line in Richtung Kensington Olympia. Dort unweit des Bahnhofes fanden wir die Unterkunft. Es war eines der typisch Englischen Häuser wie aus dem Film „Notting Hill“ und dort bekamen wir sogar ein eigenes Zimmer mit Aussicht – und was für einer! Nur für uns. Für gar nicht viel Geld. Das Bad war auf der Etage, aber ein Waschbecken war sogar auf dem Zimmer. Es lagen nur zwei Matratzen auf dem Boden. Egal. Es war ein Traum. Ein Glück. Ein unerwartetes Glück. Endlich ausruhen und nicht mit anderen Menschen in einem großen Schlafraum übernachten. Ich war wirklich überglücklich in diesem Moment. Überglücklich, dass dieser Mann uns den Zettel zugesteckt hatte. Glücklich, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Ein unverhofftes Glück war das, das wir so nicht einplanen oder schmieden konnten!

Camping in Kinghorn

Nach ein paar unvergesslichen Tagen in London ging es weiter in Richtung Schottland. Unser Ziel war Kinghorn, ein kleines schottisches Städtchen am Firth of Forth gegenüber von Edinburgh gelegen. Dort wollten wir unser Zelt auf einem Campingplatz aufstellen. Ich war in London schon ein wenig kränklich geworden und die Strapazen des Interrails hatten schon ihre Spuren hinterlassen. Damals war ich ziemlich schmächtig und ich hatte wirklich große Mühe, den Rucksack zu tragen. Mein Rücken schmerzte sehr und die ganze Reise begann für mich zu einer Tortur zu werden.

Abends kamen wir in Kinghorn an und mussten uns noch auf den längeren Weg durch das wunderhübsche Städtchen in Richtung Campingplatz machen. Es regnete und war sehr kalt und windig geworden. Es war Anfang September und ich hatte mich kleidungsmäßig nicht auf so eine Kälte eingestellt. Es war mühsam durch den Wind und Regen zu laufen durch den Ort zum Campingplatz, der wunderschön gelegen oberhalb des Meeres auf einer Anhöhe lag. Irgendwann waren wir total durchnässt und ich war müde, hungrig, ausgefroren und hatte entsetzliche Rückenschmerzen. Endlich am Campingplatz angekommen, stand nun noch der Zeltaufbau an. Schön ist anders, das kann ich Euch sagen. Als das endlich geschafft war, waren auch wir total geschafft.

Ich machte mich mit Kulturbeutel und Handtuch bewaffnet auf den Weg zum Badehaus. Wollte dort duschen. Beim Mann an der Rezeption kaufte ich mir eine Marke für „1xduschen“ und er drückte mir einen Schlüssel in die Hand und nannte mir eine Raum-Nummer. Darüber wunderte ich mich etwas, da ich eine Gemeinschaftsdusche erwartete. Ich suchte nach dem Raum, fand ihn, öffnete die Tür und  traute meinen Augen nicht, was ich dort sah: Eine Badewanne! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Alles hatte ich erwartet, aber keine Badewanne auf einem Campingplatz. Und die noch ganz für mich allein. Ich war der glücklichste Mensch in diesem Augenblick und ich glaube, dieses warme Bad nach diesem kräftezehrenden Tag war eines meiner schönsten Bäder, die ich jemals nahm. Voller Dankbarkeit genoss ich, während es draußen weiter regnete und stürmte, eine halbe Stunde der Ruhe und der Wärme in dieser Badewanne, die mir und meinem Rücken so gut tat. Das war ein unverhofftes Glück, das ich so nicht einplanen oder schmieden konnte!

Was bedeutet Glück?

Für mich bedeutet Glück, etwas Unverhofftes zu erleben. Das kann die Begegnung mit einem Menschen sein, die ein ganzes Leben verändern kann. Es kann sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein oder noch den Bus zu erwischen, weil man einen wichtigen Termin einhalten muss. Glück ist ein unverhofftes Geschenk, eine Fügung des Schicksals, das es gut mit einem meint. Und manchmal ist Glück eben so etwas Banales wie eine warme Badewanne zur rechten Zeit.

Glück ist, wenn sich etwas ereignet, das man so nicht planen konnte. Und wenn man dem Glück begegnet, in welcher Form auch immer, sollte man es gut festhalten!

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