Es begann an einem Samstag …Teil 3

Fortsetzung der Geschichte „Es begann an einem Samstag… Teil 2

Mit zittrigen Händen greifst Du nach Deinem Smartphone und beginnst die Nachricht von Vanessa zu lesen:

Lieber…. Es hat mich sehr gefreut, Dich nach so vielen Jahren wiederzusehen. Es müssen über 20 Jahre her sein, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. In dieser langen Zeit hat sich bestimmt viel ereignet in Deinem und auch in meinem Leben. Ich bin immer noch mit Roberto zusammen und wir sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Leider wirktest Du auf mich ein wenig unglücklich und es würde mich interessieren, wie es Dir in den letzten 20 Jahren ergangen ist. Das kannst Du mir gerne bei unserem Treffen nächste Woche erzählen. Ich werde allerdings Roberto mitnehmen und hoffe, dass dies kein Problem für Dich ist? Roberto würde es nicht gerne sehen, wenn wir uns alleine träfen und auch ich würde das nicht wollen! Bis nächste Woche! Vanessa

Mit noch immer zittrigen Händen legst Du ernüchtert Dein Smartphone auf den Tisch und Enttäuschung macht sich in Dir breit. Sie kriecht vom Magen über Dein Herz hoch bis zu Deinem Hals und schnürt diesen zu, so dass Du kaum Luft bekommst. Venessa will Dich also nicht alleine treffen. Langsam lässt Du Dich auf den Küchenstuhl nieder sinken und starrst mit leeren Augen ins Leere. Die Welt draußen hat sich verdunkelt und auch in Deinem Herzen sieht es düster aus. Draußen haben sich unter Donnergrollen  riesengroße, dunkle Wolkengebilde aufgetürmt, aus denen es heftig zu regnen beginnt. Der Wind wütet und reißt Blätter und Äste der Bäume mit sich und schleudert sie brachial zu Boden. Der Regen peitscht mit Wucht gegen die Fensterscheibe und Deine Augen füllen sich langsam mit Tränen. Mit einem Mal wird Dir bewusst, dass Dein ganzes Leben, das Du jahrelang mühsam versucht hast, aufrecht zu erhalten und schönzureden, eine einzige Lüge war. Und dass dies jetzt durch die Begegnung mit der Frau, die Du einmal liebtest, einem Dammbruch gleich, aufgebrochen ist und Deine zurechtgezimmerte Lebenslüge nun droht, von den einstürzenden Wogen hinweg gespült zu werden.

Lebenslügen

Du versuchst, einen klaren Gedanken zu fassen. Was ist nur passiert? Heute früh war Deine heile Welt doch noch in Ordnung. Der Tag begann so, wie alle vergangenen Samstage der letzten 20 Jahre. Und doch kommt er Dir nun unwirklich vor. So, als ob all diese vergangenen Samstage gar nicht Teil Deines eigenen Lebens waren, sondern nur Episoden aus einem Film, in dem Du der unbeteiligte Hauptdarsteller warst. Ein Schauspiel, in dem Du mitgewirkt hast  und dessen Drehbuch eigentlich ein Happy End vorsehen sollte. Und nun sitzt Du hier allein und desillusioniert auf Deinem Küchenstuhl vor den Trümmern Deines Lebens und wirst Dir gewahr, wie todunglücklich Du eigentlich all die Jahre gewesen bist und wie sehr Du versucht hast, durch diverse Beschäftigungen und Ablenkungen, Dir Dein Leben schön zu lügen.

Vanessa ist mit Roberto glücklich. Sie sind immer noch zusammen. Du hast es ihrem Gesicht und ihren leuchtenden Augen angesehen. Sie ist aufgeblüht und Robertos Liebe tut ihr gut. Was haben diese beiden anders gemacht als Du und Gabi, fragst Du Dich? Was ist mit Gabi und Dir geschehen in all den Jahren?

Ist das Leben nicht mehr?

Ihr habt Euch ein nettes Häuschen im Grünen, ein schönes Auto, tolle Urlaube, interessante Hobbies und einen illustren Freundeskreis aufgebaut. Das ist doch etwas, oder? Was will man mehr im Leben? Andere wären froh, wenn sie all das ihr eigen nennen könnten. Aber, sind dies wirklich Garanten zum glücklich sein? Du bist Dir nicht mehr sicher. Ist das Leben nicht doch mehr? Mehr als Besitz und gesellschaftliche Reputation? Mehr als tolle Hobbies, mehr als Karriere und Geld? Der Regen peitscht noch immer gegen das Fenster und auch in Dir tobt ein Sturm. Plötzlich wird Dir klar: Für das persönliche Glück und die Zufriedenheit stellt all dies keinerlei Wert dar. Du hast all die Jahre funktioniert und meintest, dies sei das Leben. Du warst beschäftigt und hast dies mit dem Leben gleichgesetzt. Dein Inneres, Deine Gefühle, Sehnsüchte, Hoffnungen waren zugeschüttet durch den ständigen Aktionismus, der Dich davon abhielt, inne zu halten und bei Dir selbst und Deinem Herzen zu sein. Du konntest Dich selbst nicht mehr wahrnehmen, bist Dir fremd geworden. Du hast zwar Ansehen, Besitz und vermeintliche Freunde gewonnen, aber Dich selbst hast Du verloren. Du wurdest zum Hauptdarsteller eines oberflächlichen Schauspiels, das Du Dein Leben nanntest. Du hast für das Äußere gesorgt, aber Dein Inneres darüber hinaus vergessen.

Haben wir je gelebt, wenn wir nicht geliebt haben?

Dir wird schmerzlich bewusst, dass Du schon so lange so unglücklich bist und eine Frau geheiratet hast, die Du gar nicht liebtest. Vanessa hatte Dich damals verlassen und Gabi war halt einfach da. Es war bequem mit ihr. Bequem und langweilig. Manchmal war es auch ganz nett. Und es war auch nicht alles schlecht. Ihr hattet diesen gemeinsamen Traum von einem netten Häuschen und ein wenig Luxus. Und dieser gemeinsame Traum verband Euch. Nicht die Liebe, sondern das Materielle war Euer Band. Nicht der gemeinsame Weg sondern das Erreichen eines oberflächlichen  Zieles kettete Euch aneinander. Und diese fest geschmiedete Kette hielt Euch gemeinsam gefangen in diesem traurigen Schauspiel, dessen letztes Kapitel aber noch nicht geschrieben ist.

Plötzlich werden Deine Gedanken jäh vom Schellen der Türglocke unterbrochen. Apathisch stehst Du auf und gehst wie ferngesteuert zur Haustür und öffnest sie. Dein Nachbar Martin steht in der Tür und teilt Dir mit, dass der gemeinsame Fußballabend heute bei ihm auf der Terrasse ins Wasser fällt. Er möchte ins Gemeindehaus gehen, in dem seine Frau Monika und Deine Frau Gabi warten und gemeinsam mit ihnen und den anderen das Fußballspiel ansehen und fragt Dich, ob Du mitkommen möchtest.

Nein! Du möchtest nicht! Wie könntest Du, nach allem was mit Dir geschehen ist in den letzten Minuten, nun so tun, als sei die Welt noch in Ordnung? Wie könntest Du weiter Dir selbst, den Anderen und Deiner Gattin Gabi eine Komödie vorspielen? Die Komödie vom glücklich verheirateten Ehemann. Wie könntest Du Dich weiter mit Menschen unterhalten, die meilenweit von Deinem Herzen entfernt sind? Menschen, die mit Dir reden aber deren Worte Dein Herz nicht erreichen. Menschen, mit denen Dich nicht mehr verbindet, als ein gemeinsamer Straßenname und der oberflächliche Plausch am Gartenzaun? Solltest Du weiterhin Dein kleines, armseliges Leben krampfhaft aufrecht erhalten, nur weil Du keinen Mut hast, Dir selbst einzugestehen, dass Du Dich getäuscht hast?

Etwas Neues beginnt

Du sinkst wieder auf den Küchenstuhl. Dein Blick fällt durch das Küchenfenster nach draußen. Der Sturm hat sich gelegt, die Wolken verziehen sich, der Himmel klart langsam auf. An manchen Stellen lugen schon wieder blaue Flecken zwischen den Wolken hervor. Die Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster in den Raum und erwärmen Dein schon so lang vor Eis erstarrtes, verdorrtes Herz. Draußen beginnen zaghaft vereinzelt ein paar Vögel zu zwitschern. Das Leben draußen erwacht langsam wieder und auch in Dir regt sich leise etwas. Du gehst zum Fenster und siehst am Himmel das überwältigende Halbrund des schönsten Regenbogens, den Du jemals in Deinem ganzen Leben gesehen hast. Er leuchtet in den wundervollsten, prächtigsten Farben und ist zum Greifen nah –  so, als wolle er Dir eine Hand reichen und sagen: Heute beginnt etwas Neues. Habe Mut. Alles wird gut. Nur anders, als Du es Dir je vorgestellt und als Du es je geplant hast. Ergreife das Leben und die Liebe.

Denn nur wenn wir geliebt haben, haben wir gelebt.

Dies ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist der Anfang. Der Beginn von etwas  Neuem. Und wir alle, Du und ich, wir bestimmen, wie diese unsere eigene Geschichte weitergehen wird. Wir haben es selbst in der Hand, das Leben zu ergreifen und unseren Tagen mehr Leben, mehr Fülle, mehr Tiefe, mehr Freude, mehr Erkenntnis und mehr Liebe zu geben. Es ist niemals zu spät, damit zu beginnen!

Heute ist der erste Tag vom Anfang unseres neues Lebens.

Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay 

2 Kommentare zu „Es begann an einem Samstag …Teil 3

  1. Wer hätte gedacht, dass diese zu Beginn normale und einfache Geschichte eines Jedermannes sich in eine philosophische Betrachtung über uns Alle entwickelt. Ganz hervorragend geschrieben, sehr gut! 👏

    Gefällt 1 Person

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