Heimat

Meine lieben Freunde! Ich glaube, uns alle verbindet in diesen Tagen vor allem EIN Gefühl. Und zwar das schmerzliche Gefühl des schleichenden Verlusts der Heimat. Unserer Heimat.

Was bedeutet eigentlich Heimat? Heimat, das ist unser Land und unsere Art zu leben und all das, was einem schon so lange vertraut und lieb geworden ist im Leben. Heimat ist dort, wo man sich wohl und sicher fühlt und gerne immer sein will. Nach einem Urlaub kehrt man nachhause zurück und freut sich, wieder in seiner vertrauten Umgebung zu sein. Heimat ist etwas, das gewachsen ist und auf eine Art mit uns verwoben und verschmolzen ist. Heimat ist das, was uns tröstet, wenn so manches im Leben schmerzlich verläuft. Heimat ist immer da.

In meinem Artikel „Deutschland – ein Sommermärchen“ habe ich diese Thematik ein wenig vertieft.

Äußere Heimat

Ich erinnere mich an meine ersten Schuljahre. Wir lebten damals in einem kleinen, verschlafenen Städtchen im Hinterland des Bodensees. Der Ort lag eingebettet inmitten der idyllischen Bodenseelandschaft und war umrahmt von sanften Hügeln auf denen Apfelbäume standen. Ich glaube, solche Städtchen gibt es heute gar nicht mehr. Eine heile, kleine Welt war dieser kleine, verträumte Ort. Meine Eltern und ich, sowie mein Kaninchen Balthasar, wohnten in einer netten Wohnung mit Einbauküche an einer ruhigen, gemütlichen Straße. Vor dem Haus waren ein Sandkasten und eine Schaukel. In dem Städtchen stand, wie es sich für ein gemütliches, kleines Nest gehört, die Kirche auf einer Anhöhe und unweit davon war meine Schule. Es war ein schon damals recht altes Gebäude. Mit einem gefühlt noch älteren Lehrer. Ich liebte diesen Lehrer, meinen ersten Klassenlehrer, sehr. Er war ein Mann vom alten Schlag und strahlte Würde und so viel Wärme und Güte aus. Oft erzählte er vom Krieg. Ich muss fast weinen, wenn ich an ihn denke. Bei ihm lernten wir die Mengenlehre und haben auch viel gesungen. Wir sangen alte Deutsche Volkslieder: „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Der Mai ist gekommen“, „Alle Vöglein sind schon da“ und so viele mehr. So gerne erinnere ich mich daran und wie gerne und aus vollem Halse ich schon damals gesungen habe. Das war Heimat für mich.

Ich saß in der Klasse neben meiner damaligen Freundin Ingeborg. Morgens holte sie mich von zuhause ab und wir trotteten die kleinen Sträßchen des Ortes entlang, durch den Torbogen des Turmes hindurch, zur Altstadt auf der holprigen Kopfsteinpflasterstraße, die sich den Berg hochschlängelte, hinauf bis zu dem Spielzeugladen, an dem wir kurz anhielten und an dessen verlockender Schaufensterauslage mit den begehrten Spielzeugen wir unsere Nasen plattdrückten. Dort stand das Objekt meiner Begierde: Eine Spielzeugkasse als Zubehör für einen Kinderkaufladen in blau-creme mit schwarzen Tasten, auf denen Beträge aufgedruckt waren und einer Geldschublade, die per Knopfdruck aufsprang. Sogar einen Kassenzettel aus Papier hatte sie. Meine Klassenkameradin Petra hatte einen solchen Kaufladen und ich wünschte mir auch einen. Dann führte uns unser Weg weiter an der Kirche vorbei bis zu unserer Schule. Wir hatten es nie eilig, alles war so gemütlich und heimelig. Das war Heimat.

Ingeborg und ich haben immer mal herum geblödelt während des Unterrichts, aber von unserem Lehrer kam niemals ein böses Wort oder ein strenger Blick. Täglich erwartete ich sehnsüchtig die erste große Pause. Denn da kam immer die Frau vom Bäcker Neumann mit einer großen Tüte mit frischen, warmen und verlockend duftenden Brezeln, die sie an uns Kinder auf dem Schulhof verteilte. Sie stand dort auf dem Schulhof mit dieser riesengroßen Tüte voll mit schwäbischen Brezeln und wurde von uns Kindern umringt. Jeder wollte eine Brezel haben. Und die waren sowas von lecker. Nie wieder in meinem ganzen Leben habe ich solche Brezeln gegessen wie die vom Bäcker Neumann. Ich habe den Duft noch in meiner Nase. Das war Heimat.

Mit Ingeborg hatte ich auch Flötenunterricht und nachmittags spielten wir zusammen entweder bei ihr oder mir zuhause. Eigentlich war ich in diesen drei Jahren, in denen wir in diesem kleinen schwäbischen Städtchen wohnten, immer mit Ingeborg und mit ihrer älteren Schwester Elvira zusammen. Auch Sonntags waren wir zusammen in der Kinderstunde einer kleinen Freikirche, in die unsere Eltern gingen. Oftmals spielten wir bei Ingeborg und Elvira im Zimmer, da Elvira sehr krank war und die meiste Zeit im Bett liegen musste. Damit sie nicht so alleine war, die arme kranke Elvira. So verbrachten wir die Nachmittage zu dritt und spielten miteinander. In diesen drei Jahren waren wir drei unzertrennlich geworden. Diese beiden, Ingeborg und Elvira, waren Heimat für mich.

Da ich so oft bei Ingeborg zuhause war, kam es, dass ich dort auch bis zum Abendbrot blieb und dort mitaß. Ich mochte die Mutter von den beiden. Sie hatte etwas Fürsorgliches und vor allem backte sie die weltbesten Waffeln. Einen ganzen Turm von Waffeln backte sie. Sie waren goldbraun und es gab Puderzucker oder Apfelmus dazu. Wie sehr ich diese Waffeln liebte. Am liebsten mochte ich die Waffeln, wenn sie noch ganz warm waren und sich samtig anfühlten zwischen den Fingern und sich der Puderzucker darauf langsam auflöste. Niemals werde ich den Geruch dieser köstlichen, frischgebackenen Waffeln vergessen. Das war Heimat für mich.

Die Jahre gingen dahin und irgendwann hieß es, dass wir nach Berlin umziehen werden. Das war ein Schock. Aber es war auch aufregend. Ein Umzug in eine so große Stadt stand bevor. Ich war aber auch sehr traurig, dass ich nun von Ingeborg und Elvira weg musste. Sie waren wie eine Familie für mich geworden. Ich hatte ja leider keine Geschwister. Auch dass ich weg musste aus der Schule und meiner Klasse, in die ich mich so gut eingefunden hatte und in der ich mich wohl fühlte, das schmerzte mich. Und weg von dem so lieben Lehrer. Und weg aus dem kleinen, gemütlichen und überschaubaren Städtchen, das tat mir weh.

Verlorene Heimat

Und dann kam der Abreisetag. Ein letzer Abschied von Ingeborg und Elvira. Mein Vater und ich fuhren dann mit dem Zug nach Stuttgart und dort zum Flughafen. Meine Mutter war schon Wochen vorher mit dem Auto nach Berlin gefahren, um Dinge zu regeln. Da standen wir also am Bahnhof und mein Vater kaufe mir ein „Fix & Foxi“-Heft. Mein erstes Comic Heft war es. So gerne erinnere ich mich an die Geschichten von Fix & Foxi, Lupo und Oma Eusebia. Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, meine Heimat ein stückweit verloren zu haben. Vertraute Menschen waren plötzlich nicht mehr da. Der vertraute Ort, die vertraute Sprache, all das, woran man sich gewöhnt und was man lieb gewonnen hatte, waren plötzlich nicht mehr da. Man fühlt sich wie ins kalte Wasser geworfen. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und viel Wehmut.

So ähnlich geht es mir in diesen Tagen. An vielen großen und kleinen Dingen merken wir, dass wir unsere Heimat Stück für Stück verlieren. So vieles ändert sich. Viele Dinge werden plötzlich in Frage gestellt, die noch vor ein paar Jahren selbstverständlich und normal waren. Wir denken mit Wehmut an eine Zeit und an ein Land zurück, das es wohl so, wie wir es kannten und liebten, nur noch in unseren Erinnerungen geben wird.

Innere Heimat

Und gerade weil dies so ist, weil sich äußere Gegebenheiten ändern können und weil wir so wenig Einfluss haben auf die Geschicke der Welt, gerade deswegen ist es umso wichtiger, auch eine innere Heimat zu haben. Etwas, das immer bleibt. Etwas, das im Herzen ist, das einem Halt, Mut, Freude, Liebe und Zuversicht gibt in schweren Tagen. Das kann der Glaube an Gott sein, der einem Mut macht. Es kann auch eine Aufgabe sein, die einen erfüllt. Und oft sind es Menschen, die um einen sind, die einen lieben, oder der eine Mensch, bei dem man sich geborgen und gut aufgehoben fühlt, die Familie, oder ein guter und treuer Freund. Diese Heimat kann einem keiner nehmen!

Ich habe zeitlebens empfunden, dass wahre Heimat nur dort sein kann, wo geliebt wird!

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