Relikt einer vergangenen Zeit – Das Lichtspielhaus

Erinnert Ihr Euch auch noch an die Kinos von früher? Mit Wehmut denke ich an diese Zeit zurück, als die Kinos noch keine großen und kalten Kinokomplexe waren, die Cinemaxx oder Kinopolis heißen und die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen und haben den wenig anheimelnden Charme einer in die Jahre gekommenen Flughafenabflughalle. Bei den Kinos meiner Erinnerung handelt es sich noch um kleine, gemütliche Lichtspielhäuser, mit ein oder max. zwei Kinosälen. Sie trugen noch solch altmodische Namen wie „Gloria-Palast“, „Saalbau-Theater“ oder „Capitol-Lichtspielhaus“. Leider sind diese Kinos so gut wie verschwunden aus den Städten. Sie mussten den großen, gesichtslosen Kinokomplexen, die oftmals am Rande der Stadt an irgendwelchen Ausfallstraßen liegen, weichen. Innerhalb weniger Jahre haben sie sich rasend schnell im Land ausgebreitet und aus dem Kinobesuch etwas Beliebiges gemacht.

Vereinzelt haben sich in der ein oder anderen Ortschaft noch ein paar wenige Relikte dieser längst vergangenen Zeit hartnäckig gehalten und sind heute wirklich etwas ganz Besonderes in der ansonsten desolaten Kinolandschaft.

Kino war mehr als nur Filme gucken

In meiner Kinder- und Jugendzeit war ein Kino-Besuch noch etwas Besonderes. Man verabredete sich zum Kinobesuch und freute sich schon tagelang vorher auf den Film, den man sehen wollte. Und natürlich auf das Treffen mit einem Freund oder einer Freundin, das damit in Verbindung stand. Oftmals war der Kinobesuch auch entscheidender Teil einer ersten Verabredung, eines Rendezvous – heute würde man „Date“ sagen. Das junge Mädchen erhoffte sich von diesem gemeinsamen Kinobesuch, dass der junge Mann in der diskreten Dunkelheit des Kinos, es wagen würde, endlich den so lang ersehnten Arm um sie zu legen. Oftmals war es der Kinobesuch, der am Beginn einer Liebesbeziehung stand. Vielleicht ist dies ja heute ebenfalls noch so. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls gefallen mir persönlich diesen neuen Kino-Discounter nicht mehr. Es ist keine Atmosphäre mehr in ihnen und sie wirken auf mich klinisch und kalt.

Der Beginn meiner Kino-Laufbahn

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Kino-Besuche ohne meine Eltern. Das war irgendwann in den frühen 80er Jahren. Es war zur Zeit der Neuen Deutschen Welle, die zahlreiche begabte und minder begabte Künstler sowie neue Bands auf den Musik-Markt spülten. Unter anderem Nena und Markus. Wer erinnert sich nicht an Nenas ersten Mega Hit „Nur geträumt“. Diesen spielte der Busfahrer auf unserer Klassenfahrt nach München gefühlte 100 Mal. Aber auch Markus mit seinem Song „Kleine Taschenlampe brenn“ war ein Hit in diesen Tagen. Und als eines Tages heraus kam, dass die beiden, also Nena und Markus, zusammen einen Film gemacht hatten, da gab es kein Halten mehr. Den wollte ich unbedingt sehen. Ich musste ihn einfach sehen. Und ich wusste auch schon genau, wer mit mir dort hingehen sollte, in das Kino der rheinländischen Kleinstadt, in der wir damals lebten. Es sollte meine Schulkameradin Silke sein. Wir saßen in der Klasse nebeneinander und für mich war das wirklich ein Geschenk, neben Silke sitzen zu dürfen. Sie war ein feines und nettes Mädchen, sehr ruhig und eine absolute Pferdenärrin. Dadurch hatte sie leider immer nur wenig Zeit. Wie oft fragte ich sie, ob sie mal nach der Schule Zeit zum Spielen hätte. Leider war Silke die meiste Zeit durch ihren Pferdesport sehr eingebunden. Aber dieses eine Mal hatte sie Zeit. Und wir verabredeten uns zum gemeinsamen Kinobesuch für den Film „Gib Gas – Ich will Spaß“ mit Nena und Markus.

Und so trafen wir uns nachmittags nach den Schularbeiten bei mir zuhause. Silke wohnte etwas außerhalb und kam mit ihrem Fahrrad angeradelt. Dann gingen wir zusammen los in das kleine gemütliche Kino unseres Städtchens. Es war total aufregend für mich und wie ein kleines Abenteuer. Ich kam mir richtig erwachsen vor und so zückte ich entzückt an der Kassenkabine, aus der eine freundliche ältere Dame heraus lugte, mein kleines Kinderportemonnaie aus Plastik und kramte umständlich ein paar Mark für die Kinokarte heraus. Das Kino war urgemütlich und innen lag noch überall Teppich auf dem Fußboden. In goldenen Rahmen an dunkelrot tapezierten Wänden hingen die Poster der Film-Ankündigungen der kommenden Wochen. Ein Kronleuchter hing von der Decke und an den Wänden hingen Wandlampen, die nach oben leuchteten. Sie schufen durch ihr diffuses, warmes Licht eine eigentümlich wohlige Atmosphäre. Silke und ich kaufen uns noch ein paar Sadex-Brausestäbchen, etwas Popcorn und jeweils eine Cola und warteten aufgeregt darauf, dass die Türen zum Kinosaal endlich geöffnet würden. Und dann war es endlich soweit. Die Türen wurden geöffnet und so ließen wir uns nach kurzer Suche nach unseren Plätzen im Halbdunkel des Kinosaals auf gemütlichen und weichen, roten Plüschsesseln nieder. Wir freuten uns wie die Schneekönige auf den Film, der damals zu unserer Zeit für Mädchen unseres Alters total angesagt war.

Man könnte sagen, dass dieser Film den Startpunkt meiner Kino-Laufbahn bildete. Bis in die späten 80er Jahre ging ich recht häufig ins Kino. Den ersten Kinofilm mit meinem ersten Freund Frank sah ich in einem Kino, das es heute leider auch nicht mehr gibt. Es war der sehr schöne und traurige Film „Gottes vergessene Kinder“.  Auch dieser Kinobesuch ist mir unvergesslich.  Alle drei Einzelkinos der Stadt, in der ich jetzt lebe, haben im Laufe der letzten Jahrzehnte geschlossen. Es gibt hier nun lediglich noch ein Cinemaxx Kinocenter.

Mit den Kinos ist es wie mit den Innenstädten. Mit der Zeit haben sie ihren Charme, ihre Gemütlichkeit und ihre Individualität verloren. Sie sind zu gesichtslosen und beliebig austauschbaren Orten geworden, in denen man sich nicht mehr gerne aufhält. Auch aus anderen Gründen nicht.

2 Kommentare zu „Relikt einer vergangenen Zeit – Das Lichtspielhaus

  1. Mir geht es ähnlich. Zum Glück haben wir in den umliegenden Kreisstädten noch kleine und alte Kinos. Eins davon zählt zu den ältesten Lichtspielhäusern im Lande. Die Atmosphäre dort ist nicht zu vergleichen mit den Kinopalästen. Wir warten immer bis die neuen Filme in „unseren“ Kinos laufen und gehen dann dorthin. Das ist es mir Wert und die Kinos sollen ja auch noch lange erhalten werden.

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    1. Toll, dass Ihr sowas dort noch habt! Ich würde auch nur noch ausschließlich dorthin gehen! Hier gibt es das nicht mehr. Ich hoffe sehr, dass sich solche Raritäten und Kleinode noch lange erhalten und dass es noch lange Menschen wie Du geben wird, die das zu schätzen wissen, lieber Norbert! Herzlichen Dank für Deinen Kommentar 🙂

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