Ein Flipper zum Ausflippen

Gestern war es schwül-warm und ich beschloss, meine schöne Radtour mit dem Besuch in einer Eisdiele abzuschließen und mit einem leckeren Eis zu krönen.

Ich freute mich schon während der ganzen Radtour über mein über alles geliebtes Spaghetti-Eis, das ich eigentlich immer nehme, wenn ich Eis essen gehe. Und wenn ich es einmal nicht nehme, dann nehme ich eben Erdbeer-Vanille Eis mit Sahne. Was im Grunde auf das Gleiche hinausläuft, denn Spaghetti-Eis ist ja auch nur Vanille-Eis mit Sahne im Inneren und Erdbeersoße oben drüber. Dasselbe in Grün sozusagen. Tja, Ihr seht schon, Tammy ist flexibel und liebt die Abwechslung.

Als ich endlich in der Eisdiele angekommen und einen schönen Platz ergattert habe, nehme ich erwartungsvoll und mit Wasser im Munde zusammenlaufend die Hochglanzeiskarte zur Hand. Ich blättere halb oberflächlich interessiert in ihr, die verlockendsten Eiscreationen betrachtend aber wohl wissend, worauf es doch wieder hinauslaufen wird. Nämlich auf Spaghetti-Eis. Das nehme ich nämlich immer, schon gefühlt seit Ewigkeiten.

Ich bin wohl tatsächlich durch und durch konservativ. Warum sollte ich etwas, das mir hervorragend schmeckt, nicht bevorzugen? Warum etwas Anderes, etwas Neues probieren, wenn ich doch mit dem Alten hochzufrieden bin? Warum sollte ich ein buntes und vielfältiges Deutschland wollen, wenn mir doch das einfarbige so viel besser gefällt? Sollte ich progressiv sein, nur weil eine Öko-Endzeitsekte dies predigt? Sollte ich etwas anderes als mein geliebtes Spaghetti-Eis nehmen, nur weil ich modern und „up to date“ sein will? Nein. Ich bin konservativ. Auch bei meinem Eis-Geschmack.

Also blättere ich noch ein wenig unschlüssig in der Eiskarte und will sie schon fast weglegen, als mein Blick plötzlich auf ein wunderhübsch anzusehendes, geschwungenes Glas mit einem leuchtend orangefarbenen Inhalt und einer atemberaubenden Sahnehaube oben drauf, die von einer Kirsche gekrönt wird,  fällt. Sieht das phantastisch aus, denke ich mir. Ich kann gar nicht mehr wegsehen, so lecker und vielversprechend sieht es aus, dieses Eis-Getränk namens „Flipper“.

Mir kommt ein verwegener Gedanke. Ob ich es wagen sollte, einmal aus meinen eingefahrenen Bahnen auszubrechen und etwas anderes, als mein geliebtes Spaghetti-Eis zu nehmen? Mir wird heiß und kalt. Mein Herz beginnt zu pochen. Ich überlege hin- und her. Soll ich? Oder nicht? Verwirrt sehe ich mich um, sehe die anderen Gäste und wie sie an ihren langweiligen Cappuccino, Latte Macchiato und Spaghetti-Eisbechern sitzen. Jetzt steht mein Entschluss fest. Ich bin heute mal mutig und gehe neue Wege. Heute soll es der Flipper sein. Ein seltsamer Name, schießt es mir noch durch den Kopf. Flipper – hört sich etwas veraltet an. So heißt doch heute kein Eis mehr, oder? Das ist doch ein Eisname aus längst vergangen Tagen, als man Eis noch in Gartenwirtschaften und von Tischen mit rot-weiß karierten Tischdecken aß, an denen kleine bunte Kirschen an den Ecken als Gewichte baumelten, damit bei einer Windböe die Tischdecke nicht hochwehen konnte. Eine Zeit, in der die Männer den Frauen, denen sie schon seit Wochen den Hof machten, in der Hoffnung, dass die Angebetete endlich ihr Taschentuch fallen lässt,  beim Hinsetzen noch ganz gentlemanlike den Stuhl vorschuben. Aus dieser Zeit musste dieses Eis-Relikt namens „Flipper“ stammen. Jetzt wird mir wieder etwas leichter ums Herz. Ein so alt bewährtes Eis kann doch einfach nicht schlecht sein. Also, gedacht – bestellt. Ich bin gespannt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt endlich der Kellner und stellt mir freundlich lächelnd diesen, auch in der Realität wunderschön anzusehenden, Flipper Eisbecher, stehend auf einem glänzenden, ovalen Metall-Tablettchen auf den Tisch. Ich kann mich an dem Anblick gar nicht satt sehen. Stolz sehe ich mich um in der Hoffnung, dass die anderen Café-Besucher merken, was für eine progressive Person ich doch bin. Leider nimmt keiner Notiz von mir. Sie sind alle mit sich selbst und ihren Spaghetti-Eisbechern beschäftigt.

Und nun kommt der große Augenblick. Zuerst einmal esse ich genüsslich die Sahnekrone mit dem überlangen Eislöffel ab. Die Amarena Kirsche lege ich zur Seite. Nach der Bestellung ist mir siedend heiß eingefallen, dass ich ja den Amarenageschmack gar nicht mag. Egal. Als ich die Sahne weggegessen habe, beginne ich, mit dem Löffel das Eis, das im Orangensaft schwimmt, auf den kleinen Löffel zu hieven. Nicht einfach, das Eis wehrt sich standhaft und schließlich schwappt ein Schwall Orangensaft über den Glasrand und überschwemmt das kleine Tablett. Na, super. Ich versuche, diese Orangensaft-Eis-Amarena-Sahne-Schmalunze notdürftig mit der typisch glatten Miniatur Eisdielen-Serviette, die so saugfähig ist wie Klarsichtfolie und wohl von der Eisdielen-Servietten-Mafia an alle Eisdielen dieser Welt ausgeliefert wird, weg zu wischen. Dies gelingt nur bedingt und nun ist alles verschmiert und meine Finger pappig und klebrig. Nicht mehr so gut gelaunt, gelingt es mir irgendwann tatsächlich, das Eis auf den Löffel zu bekommen und zum Munde zu führen. Es ist Zitroneneis und entsprechend sauer. Ich verziehe mein Gesicht zu wilden Grimassen, kneife die Augen zusammen. Plötzlich fällt mir ein, dass ich Zitroneneis ja gar nicht mag und frage mich in diesem Augenblick, warum ich mich überhaupt für diesen Flipper entschieden habe. Denn auf Orangensaft hatte ich eigentlich auch überhaupt keine Lust. Der schmeckt dann auch noch billig, bitter und wässrig und bildet zusammen mit dem aufgelösten Zitroneneis und dem Amarenasirup einen unangenehmen säuerlich-bitter abgestandenen Geschmack. Da hilft dann auch das Vanille-Eis, das sich nach ganz unten abgesetzt und verflüssigt hat, nicht mehr. Jetzt flippe ich wirklich aus.

Ich bin enttäuscht und gucke neidisch auf die anderen Gäste, die genüsslich an ihren konservativen Spaghetti-Eis sitzen und beginne nun, mich wirklich zu ärgern. Jetzt habe ich es einmal im Leben gewagt, etwas Neues auszuprobieren und werde prompt enttäuscht! Und was sagt dies mir?

Die Moral von der Geschicht, esse niemals einen Flipper nicht.

Flipper zum Ausflippen

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