Gibt es einen freien Willen?

Standest Du auch schon einmal vor einer elementaren Entscheidung zwischen zwei Optionen und hast hin- und her überlegt und wusstest eine lange Zeit nicht, wie Du Dich entscheiden solltest? Und hast Dich schließlich für eine Möglichkeit entschieden? Hast Du Dich gefragt, wie es kam, dass Du Dich für den einen und nicht den anderen Weg entschieden hast? Warst Du Dir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass Du selbst –also Dein ICH – in diesem Moment diese Entscheidung getroffen hat?

All diese Fragen bewegen mich schon eine lange Zeit. Immer wieder stand ich in meinem Leben vor Entscheidungen. Vor Großen und vor Kleinen. Und zeitlebens war ich mir meiner Sache nicht oder kaum jemals ganz sicher. Aber doch entschied ich mich und ging meinen Weg. Manchmal war dies im Nachhinein gesehen nicht der „richtige“ Weg oder er stellte sich als schwierig heraus und versprach nicht das zu werden, was ich mir eigentlich erhoffte. Dann stellte ich mir die Frage, ob ich zum damaligen Zeitpunkt des Entschlusses nicht auch hätte anders entscheiden können. Kennst Du das auch?

Rückblickend kam ich aber immer wieder zu dem Ergebnis, dass ich zum damaligen Zeitpunkt meiner Entscheidung – unter Zugrundelegung aller Optionen und Erkenntnisse sowie Erfahrungen – nicht anders konnte, als eben genau so und nicht anders zu entscheiden. Ich konnte mir keinen Vorwurf machen und mich auch nicht rühmen. Mir war es einfach nicht möglich, willentlich anders zu entscheiden, obgleich ich die Handlungsfreiheit und Wahl zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten durchaus hatte. Ich entschied mich für eine Option. Dieses Gefühl, nicht anders entscheiden zu können, brachte mich auf den Gedanken, dass ich ja in gewisser Weise gar nicht „frei“ war in meiner Entscheidung. Durch irgendwelche Verknüpfungen in mir war ich auf eine Art gezwungen, mich in diesem besagten Augenblick so und nicht anders zu entscheiden.

Wie frei ist der Wille wirklich und was sagt die Hirnforschung?

Es heißt doch immer, der Mensch habe einen freien Willen. Es wird gesagt, der Mensch sei frei, alles zu tun, was er möchte. Gutes und Schlechtes. Und wenn ein Mensch nicht frei in seiner Entscheidung wäre, dann wäre er ja auch nicht verantwortlich zu machen und dürfte also auch nicht bestraft werden. Wenn dem so ist, also dass man immer frei entscheiden könnte, dann hätte ich mich doch durchaus zum damaligen Zeitpunkt auch anders entscheiden können. Aber dies war mir nicht möglich. Ich entschied mich für eine Möglichkeit und nicht für die Andere. Warum? Ist der Wille also doch nicht so frei? Diese Fragen ließen mir keine Ruhe und so begann ich, mich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.

Die Hirnforschung sowie die Philosophie geben uns hier Antworten. Sie sagen übereinstimmend, dass es einen freien Willen in dem Sinne gar nicht gibt und dass man zwischen einer Handlungs- und Willensfreiheit unterscheiden muss.

Arthur Schopenhauer sagt hierzu Folgendes: „Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will!“

Damit hatte A. Schopenhauer schon lange vor den messbaren Erkenntnissen der Hirnforschung erkannt, dass es eine Willensfreiheit nicht gibt. Aber nicht nur er. Auch Baruch de Spinoza glaubte nicht an einen freien Willen. Er sagte: „Wer also glaubt, dass er nach freiem Entschluss des Geistes rede oder schweige oder irgendetwas tue, der träumt mit offenen Augen.“

Meine Beobachtung ist, dass viele Menschen gerne an die Willensfreiheit glauben möchten.

Der Göttinger Physiker Georg Christoph Lichtenberg brachte es gut auf den Punkt: “Ein Meisterstück der Schöpfung ist der Mensch auch schon deswegen, dass er bei allem Determinismus glaubt, er agiere als freies Wesen“.

Tatsächlich ist es ja so, dass der Mensch sich bei der Mehrzahl seiner Entscheidungen frei fühlt. Es ist eine subjektiv empfundene Freiheit. Zum einen haben wir das Gefühl, dass nur wir und sonst niemand anderes entscheidet und zum anderen empfinden die Meisten von uns keine inneren und äußeren Zwänge, so wie das z.B. bei Menschen mit Zwangshandlungen der Fall ist. Zu äußeren Zwängen gehören z.B. auch die Zwangshandlungen Waschzwang, Kontrollzwang…etc. Oder wenn Dir einer eine Pistole vor die Brust hält und Dich dazu bewegen will, die Brieftasche herauszugeben. Dann empfinden wir uns als nicht „frei“ und spüren stark diesen äußeren Zwang. Aber ohne eben diese äußeren Zwänge fühlt sich der Mensch meistens weitestgehend frei in seiner Entscheidung und glaubt daher, frei zu entscheiden.

Gitarre spielen oder Star Trek im Kino gucken?

Wenn ich zum Beispiel überlege, ob ich heute Abend entweder zu Hause Gitarre spiele oder aber ins Kino gehe, um mir den neuesten Star Trek Film anzusehen und mich dann für das Kino entscheide, dann hängt es ja von mir selbst ab – denke ich – und von sonst niemandem, wie ich entscheiden werde. In Wahrheit ist es aber so, dass es ganz bestimmte Gründe oder Motive gibt – die ich jedoch nicht als Zwang empfinde – die mich dazu bringen, mich für das eine oder das andere zu entscheiden.

Wenn das Handeln einer Person als „frei“ bezeichnet wird, dann wird vorausgesetzt, dass diese Person unter den gegebenen Umständen auch anders hätte handeln können.

Interessant ist, was Wolf Singer, Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung herausgefunden hat. Durch Defekte in Gehirnbereichen, die benötigt werden, um erlernte soziale Regeln abzurufen die für Entscheidungsprozesse notwendig sind, können Menschen Straftaten begehen. Diese Defekte können ein Speichern oder Abrufen sozialer Regeln erschweren. Wolf Singer: „Keiner kann anders sein als er ist.“

Auch sein Kollege, der bekannte Hirnforscher Gerhard Roth (Buchtipp: „Aus Sicht des Gehirns“) schreibt: „Das bewusst denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn perfiderweise dem Ich die entsprechende Illusion verleiht…  was eine Person tut, ist neben genetischen Faktoren im Wesentlichen das Produkt eines Lernprozesses, vermittelt durch das Limbische System.“

Arthur Schopenhauer hat schon 150 Jahre vor Singer und Roth in seiner preisgekrönten Schrift über die „Willensfreiheit“ dargelegt, dass die Willensfreiheit schlicht undenkbar sei. Mit ihm glaubten dies auch Spinoza, Freud, Skinner, Marx, Weber, Darwin, Haeckel, Einstein, La Mettrie, Hume und Nietzsche.

Das Libet-Experiment

Besonders interessant ist, dass die Wissenschaft den freien Willen auch erforscht und durch das „Libet-Experiment“ bewiesen hat, dass der Mensch tatsächlich keinen freien Willen besitzt:

Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet hat 1979 einen interessanten Versuch unternommen. Er forderte Versuchspersonen auf, eine einfache Handbewegung auszuführen, wenn sie Lust dazu verspürten und sich den Zeitpunkt ihrer Entscheidung anhand einer Uhr zu merken. Währenddessen maß Libet die neurologischen Aktivitäten im Gehirn. Er stellte dabei fest, dass das Bewusstsein, also die Finger krümmen zu wollen, fast eine halbe Sekunde nach dem Moment einsetzte, in dem das Gehirn bereits die Vorbereitungen für die Aktion begonnen hatte. Libet war Dualist  und wollte mit diesem Experiment eigentlich die Willensfreiheit experimentell beweisen. Nicht sehr begeistert konstatierte er: „Das Bereitschaftspotential und damit die „gewollte“ Bewegung werden unbewusst vorbereitet.“ Diese Forschungsergebnisse erregten natürlich großes Aufsehen.

Gerhard Roth sagt: „Interessant ist hier auch ein Paradoxon, dass ein besonders willensstarker Mensch, ein besonders stark von inneren Motiven geleiteter Mensch ist.“ Von vielen Extremsportlern hört man oft, dass die diesen Kick „bräuchten“. Sehr frei hört sich dies nicht an.

Eine sehr interessante und auch heikle Frage wird vor allem aufgeworfen und zwar, was diese nicht vorhandene Willensfreiheit für die Begriffe „Schuld“ und „Verantwortung“ bedeuten. Kann dann jeder machen was er will? Ist dann jeder in gewisser Weise unschuldig? Auch der größte Verbrecher? Dies hier zu erörtern, würde den Rahmen sprengen und ich habe hierauf auch keine Antwort.

Jedoch glaube ich, dass wir Menschen im Bewusstsein und Kenntnis darüber, dass es keine Willensfreiheit gibt, den anderen Menschen – vielleicht auch nur im zwischenmenschlichen Bereich – ein wenig gnädiger gegenüber sein können. Und auch uns selbst können wir uns dadurch vielleicht so manch eine (Fehl-)Entscheidung in der Vergangenheit eher verzeihen. Wir konnten zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht anders handeln, als wir es getan haben. Es war uns schlicht nicht möglich.

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